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ja / nein

Werkleitz Journal 2017 Nicht mehr, noch nicht

Stadt

Der Freiraum

Städte sind Märkte. Beide brauchen Autonomie und Selbstbewusstsein. Der Weg in die Provinz führt über den Plan.

Wolf Lotter, 2009
Die größte Stadtneugründung und Planstadt der DDR – Neustadt, Sozialistische Stadt der Chemiearbeiter – als Modell aus Fundstücken, die in Halle-Neustadt gesammelt wurden. Heute ist auch Ha-Neu eher provinziell. Modell und Foto von Daniel Herrmann.

Die Welt ist eine Stadt

Das hat mit Poesie nichts zu tun, sondern basiert auf harten Fakten. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Städten, und wenn die Vereinten Nationen nicht ganz danebenliegen, dann werden zur Mitte dieses Jahrhunderts 70 Prozent aller Mitbürgerinnen und Mitbürger Städter sein.

Was fällt uns dazu ein? Erstens das Übliche: Die Welt wird enger. Und ich krieg’ sicher keinen Parkplatz. Vielleicht ist das alles aber gar nicht wahr. Vielleicht wird die Welt weiter durch die Stadt, und die Sache mit dem Parken löst sich auch irgendwie. Wir wissen es nicht.

Wir wissen überhaupt sehr wenig über den heute schon wichtigsten Wirtschaftsstandort, die Stadt. Um das zu ändern, machen wir mal einen Stadtrundgang. Halten wir es dabei mit dem guten alten Clint Eastwood, der sagte: „Ich reite in die Stadt, der Rest ergibt sich.“

Reiten wir los.

Das erste Ziel ist eines, das es laut Plan gar nicht geben darf. Eine Siedlung, die zum Inbegriff der chaotischen Stadt geworden ist. Ein Ort, dessen Namen Städteplaner und Politiker nicht aussprechen, sondern ausspucken: Favela.

Stadtrundgang, erste Station: Brasilien, Rio de Janeiro, Favela Rocinha, geschätzte Einwohnerzahl: 250 000.

Besonderheit: Das kommt davon, wenn man nicht plant

Die Favelas sind das Worst-Case-Szenario von Siedlung. Nicht planen? Dann kommt, sagen Planer und Politiker auf der ganzen Welt, möglicherweise eine Favela dabei raus, das Ergebnis „unkontrollierten Städtewachstums“ (Wikipedia). Holt das Reißbrett – rettet die Stadt. Wer sagt, dass die Stadt wie der Markt am besten gedeihen, wenn man so wenig wie möglich an ihnen herumdoktert, kriegt die Favela serviert. Die Stadt ohne Plan ist ein Elend. Wenn wir nicht planen, kommen wir nicht in die Stadt, sondern in die Slums. Das will niemand, auch die nicht, die sich diese Slums dann von den besseren Quartieren aus ansehen müssen. So wird jedem, der gegen die Planung der Städte Einspruch erhebt, die gute alte soziale Keule übergezogen. Favela bedeutet so viel wie Kletterpflanze, weil sich die Armenviertel meist entlang der Hügel der großen Städte emporranken. Immer wieder haben die wechselnden Regierungen versucht, die Chaos-Slums zu evakuieren. Aber es funktioniert nicht. Die Bewohner der Armenstadt leben lieber im eigenen Elend als in dem, das ein fürsorglicher Staat in Sozialwohnungsghettos für sie anrichtet.

Man muss nicht nach Brasilien fahren, um an der Idee, eine Stadt ohne Plan würde in den Untergang führen, zu zweifeln. Es genügt völlig, sich zwei Beispiele deutscher Stadtplanung vom Reißbrett ins Gedächtnis zu rufen. Städte, die komplett und in einem Stück aufgestellt wurden, in bester Absicht, mit guten Worten, zum Zeitpunkt ihrer Errichtung auf dem letzten Stand der Dinge: Bitterfeld und Eisenhüttenstadt.

Von Woody Allen stammt die Feststellung, dass er schon deshalb nicht aufs Land wolle, „weil dort die Manson-Familie lebt“. Nach Bitterfeld oder Eisenhüttenstadt ist er wohl nie gekommen.

Stadtrundgang, zweite Station: Bonn oder Berlin.

Besonderheit: Netzwerk oder Zentrale

Als vor 20 Jahren die Mauer fiel, hatte Deutschland wieder eine richtig große Stadt: Berlin, 3,4 Millionen Einwohner, Schuldenstand 60 Milliarden Euro, dreimal so hoch wie der Haushalt. Dementsprechend unbeliebt ist die deutsche Hauptstadt im Westen, wo man meint, für all das bezahlen zu müssen. Berlin gilt international als eine der lebenswertesten Städte, sie ist hip, wie es heißt, kreativ und zukunftsorientiert. Letzteres lässt sich nicht rechnen, nur hoffen.

Begäbe man sich auf die Suche nach einer Blaupause für die Stadt des 21. Jahrhunderts, Berlin hätte – außerhalb der Grenzen Deutschlands gute Chancen auf den ersten Platz. Dabei darf man allerdings nicht in Hamburg, München oder Stuttgart fragen, zum Beispiel. Dort finden sich relativ wenige Berlin-Liebhaber. Das liegt nicht nur an niederen Motiven der Mitbewerber um die Gunst als schönste und beste Stadt weit und breit. Die alte Bundesrepublik war von ihren Konstrukteuren, allen voran Konrad Adenauer, bewusst als dezentrales System angelegt worden. Es war das Gegenmodell zum Zentralismus der kommunistischen Staaten Osteuropas, zum Zentralismus auch der Nazis. Beides hasste Adenauer zutiefst. Zudem verabscheute er Preußen, den alten Zentralstaat. Berlin mochte Adenauer auch nicht besonders. Überdies lag Berlin in der DDR. Die Sowjets hasste Adenauer mehr als alles andere.

All das hat mit gut, edel und offen nicht viel zu tun, machte aber unterm Strich den Reiz der alten Bundesrepublik aus: Es sollte keinen Wasserkopf geben, schon gar nicht im Osten des Landes. Vom kleinen Provinzkaff Bonn aus ließ sich das demokratische Deutschland ebenso gut regieren wie von einer Millionenstadt aus. Jede größere Stadt erhielt ihren Teil an Bundesbehörden, von Flensburg bis Pullach. Es gab Städte, nicht die Stadt. Da mochten sich Hamburger und Münchener gelegentlich um den Titel der „heimlichen Hauptstadt“ zanken – die Realität stand dagegen: Viele unterscheidbare Städte, umringt von unterscheidbaren Regionen, die gemeinsam ein Zentrum bildeten, das sich immer wieder ergänzte und den Ausgleich herstellte. Nicht durch gute Worte, sondern durch ein System der Unterscheidbarkeit. Die alte Bundesrepublik war ganz weit vorn. Und der alte Adenauer hatte, ohne es zu wollen und lange bevor dieser Begriff in den allgemeinen Wortschatz floss, ein Land zum dezentralen Netzwerk gemacht.

Stadtrundgang, dritte Station: Rom.

Besonderheit: Eine Stadt ist kein Staat

Stadt – das heißt so viel wie Standort oder Stätte. Das klingt so ähnlich wie Staat – das vom lateinischen „status“ abstammt und so viel wie Zustand bedeutet. Die Stadt ist eben kein kleiner Staat, sie ist etwas grundsätzlich anderes. Die typischen Merkmale der Stadt liegen darin, dass innerhalb ihrer Grenzen Überschüsse erwirtschaftet werden. In den ersten Städten, die im Fruchtbaren Halbmond des Vorderen Orients vor rund 10 000 Jahren entstanden, bezeugen das bis heute die Überreste von Speichern und Lagerhäusern. Stadt ist, wo man die nackte Existenz überwindet.

Die Stadt ist ein Tausch- und Marktplatz, der Ort, an dem Wirtschaft passiert. Das Umland liefert die Rohstoffe für die Verfeinerung und den Handel. Die Stadtbürger spezialisieren sich, sie tauschen und handeln ihre Fähigkeiten, Produkte und Talente, sie nutzen eine gemeinsame und damit leichter zu schaffende wie auch zu erhaltende Infrastruktur. Die Stadt ist komplex.

All das macht sie zum natürlichen Feind des Staates.

Das, was wir Staat nennen, ist, verglichen mit dem Ort der Ökonomie, der Stadt, blutjung. Der moderne Zentralstaat hat sich vor 400 Jahren entwickelt. Viele scheinbare Widersprüche verschleiern diesen gewaltigen Unterschied. Rom war zwar das erste globale Imperium, und deshalb wird das sogenannte Römische Reich (wie man es im Nachhinein nannte) als Staat gedacht. Tatsächlich war es mehr als eine historische Floskel, die die Legionäre auf ihrer Standarte vor sich hertrugen, das berühmte SPQR – Senatus Populusque Romanus – für Senat und Volk von Rom. SPQR war eine Souveränitätsformel. Selbst in der Kaiserzeit war dieses Symbol allgegenwärtig. Derlei kannte man auch schon vorher, in den sogenannten Stadtstaaten Griechenlands und Vorderasiens. Der Stadtbürger hatte Rechte. War man Römer, also Bürger, hatte man Freiheiten. Das mochte in Rom nicht immer viel gelten aber es war mehr, als die meisten Potentaten rund um Rom für ihre Bevölkerung im Programm hatten.

Selbstbewusste Städte haben das römische SPQR auf ihre Mauern und ihre Siegel gesetzt, in eigenen Varianten. Die stolzen und unabhängigen Stadtbürger von Lübeck werden sich auf ihr Holstentor S.P.Q.L. einmeißeln lassen, Jahrhunderte später. So machen es auch die Nürnberger, S.P.Q.N. Und andere Städte, in denen eine freie Wirtschaft und ein florierender Handel der wichtigste Schutz vor den ständigen Begehrlichkeiten von Kaiser und aufkeimender Zentralgewalt ist. Die Zentralisten hassen die Städte.

Stadtrundgang, vierte Station: Die freie Stadt.

Besonderheit: Stadtluft macht frei

Stadtluft macht frei, heißt es im Mittelalter. Das ist zu diesem Zeitpunkt keine Phrase, sondern ein Rechtsgrundsatz. Um das Jahr 1000 wird das finstere Mittelalter für einige Zeit etwas heller, weil die alten Zentralgewalten der Kirche und der Landesfürsten an Einfluss verlieren. Leibeigene Bauern und Landarbeiter gründen Siedlungen, aus denen Städte werden, und ihre wirtschaftlichen Erfolge geben den nächsten Generationen von Zuwanderern neue Chancen. Wer als Unfreier in die Stadt kommt und ein Jahr lang dort bleibt und sich nützlich macht, wird vom „Hintersassen“ zum „Insassen“, zu einem, der innerhalb der schützenden Mauer der Stadt leben und arbeiten darf. Dieses Recht bekämpfen Fürsten und Kirchen mit allen Mitteln.

Vom 12. und 13. Jahrhundert an aber sind die Städte die Zentren der neuen Wirtschaft, des Handels, der Erfindungen, der Experimente – und den alten und brutalen Landherren weit überlegen. Die Bürger bauen Kathedralen, die sie nicht nur zum Gottesdienst besuchen. Werktags sind sie Versammlungsräume für die Bürgerschaft. Die Zentralisten hassen diese Autonomen abgrundtief. Jahrhundertelang werden sich im Heiligen Römischen Reich die Kaiser mit den Städten bekriegen. Das Ziel der autonomen Stadt war die „Reichsunmittelbarkeit“, die „Freie Reichsstadt“, die sich ihr Recht weitgehend selbst geben konnte, die ihre Entwicklung selbst in die Hand nahm. Autonome Städte wie Augsburg sind in dieser Zeit in Handel, Finanzen und Technologie führend. Rundum blühen kreative Cluster. Und natürlich beharren die Bürger darauf, die Erträge ihrer Arbeit für sich selbst zu beanspruchen.

In den oberitalienischen Städten entwickelt sich im 14. Jahrhundert allmählich das, was wir heute als moderne Marktwirtschaft kennen die ersten kapitalistischen Züge kommen zum Vorschein. Man fördert Vorhaben durch Kredite, erfindet den Wechsel, gründet Banken, konzentriert sich auf gemeinsame Pläne, finanziert Seereisen und organisiert den Handel. Nichts von dem bringen die Zentralisten zustande. Sie wollen nur den Zugriff darauf. Je stärker der Druck wird, desto besser organisieren sich die Bürger der freien Städte. Sie erhalten „Privilegien“, Vorrechte, doch dieser von Kaisern und Fürsten geprägte Begriff führt in die Irre. Es handelt sich nicht um Privilegien, die verliehen werden. Die Städte haben sich, notfalls auch mit militärischer Gewalt, gegen den Zugriff der Zentralisten gewehrt und durchgesetzt.

Die Autonomen, die freien Städte, verbünden sich zu Netzwerken – etwa der Hanse – oder zu Städtebünden wie in Sachsen, dem Rheinland und in Schwaben. Die Erfolge sind in ganz Europa zu sehen – und der Konflikt zwischen den Autonomen und den Zentralisten eskaliert im Dreißigjährigen Krieg, der ein Krieg zwischen dem selbstbewussten Bürgertum und der alten Macht ist, die alles auf eine Karte setzt. In Deutschland verlieren die Städte. In Schweden, den Niederlanden, aber auch in England gewinnen die Städter die Macht; die Wirtschaft, wie wir sie kennen, ist ihr Produkt. In Deutschland hingegen beugen sich die Städte. Der Preis, den sie dafür zahlen, ist hoch – ihre Entwicklung stagniert über Jahrhunderte.

Nach und nach unterstellen sich die Städte der Zentralgewalt. Doch das genügt nicht. Die Herrscher haben nicht vergessen, dass sie gelegentlich sogar aus ihren Residenzstädten flüchten mussten, zuletzt 1848, als die Revolution noch einmal die Freiheitsbestrebungen der Bürger – also der Stadtmenschen – ausbrechen ließ. Der Kaiser und seine Beamten flüchteten aus Wien, schickten Truppen, stellten Bürger an die Wand. Aber auch das reichte den Zentralisten nicht.

Stadtrundgang, fünfte Station: „Cheng“.

Besonderheit: Auf dem Land hört dich niemand schreien

Im 19. Jahrhundert begannen die Herrschenden, die Machtsymbole der alten Stadt zu vernichten. In Wien ließen die Habsburger die gesamte Stadtbefestigung schleifen – und errichteten an ihrer Stelle Prachtbauten, die die ganze neue Herrlichkeit des Nationalstaates zeigen sollten.

Als im Januar 1949 in Peking der neue Große Vorsitzende Mao Zedong die Stadt besetzt, ist das erste, das wichtigste Vorhaben des neuen Machthabers, die alte historische Mauer der Kaiserstadt einreißen zu lassen. Jeder soll sehen, dass die Symbole in Staub aufgelöst werden. Weg damit. Das chinesische Zeichen „Cheng“ bedeutet zweierlei: Stadt und Mauer. Hier wird klar, was die Stadt auch immer war: Schutz gegen die Barbarei, die Willkür, die Unfreiheit, die draußen herrschte, auf dem Land, wo immer schon Unheil drohte. Das Problem ist offensichtlich: In der Stadt wird gedacht und gemacht, hier wird Wirtschaft vorangetrieben und damit Autonomie, also alles, was Herrschern zuwider ist. In der Stadt macht man sich Gedanken – und noch schlimmer: Diese Gedanken werden ausgetauscht. Deshalb verbannen die Zentralisten Querdenker, wenn sie sie nicht gleich umlegen, aufs Land, wie Galileo Galilei. Russische Regimegegner verfrachtet man nach Sibirien, wo keine Städte sind, in denen sich Opposition verbreiten kann. Intellektuelle zwingt Mao zu mörderischer Zwangsarbeit auf dem Land. Pol Pot ahmt es in Kambodscha wenige Jahre später nach. Intellektuelle und Städter sind dabei bereits ein und dieselbe Kategorie. Gefährlich ist, wer nachdenkt und sich auch noch mit jemandem austauschen kann.

Kurt Helm schuf Ende der 1990er Jahre ein umfangreiches Arrangement an Figurengruppen. Die allegorische Szene (kursiv) Sprachlos vor leeren eimern (kursiv) trifft eine Aussage über die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zur Schaffenszeit Kurt Helms. Die in ihr verborgene Kraft lässt sich jedoch ebenso gut in unsere Gegenwart überführen.

Auf dem Land hört dich niemand schreien.

Die Mauer trennt die Stadt vom Staat. Die Mauer muss weg. „Auch in Europa dienten Stadtmauern nicht nur dem Schutz nach außen und der Kontrolle nach innen sowie der Abgabenerhebung“, schreibt der Sozialhistoriker Wolfgang Reinhard dazu, „sondern galten auch als Symbol der kommunalen Autonomie.“ Doch nun war Hauptstadt angesagt. Prahl-, Prunk- und Aufmarscharena für Zentralherrscher. Die Nachfolger der adligen Zentralisten im 19. Jahrhundert waren ganz besoffen von der Idee, die Stadt neu zu planen und zu bauen – und damit endlich auch deren Bürger in das „Große und Ganze“ mit einzubinden. „Die autonome Stadt war politisch untragbar geworden. Der moderne Staat, der jetzt voll ausgebildet war und über mehr Ressourcen verfügte als je zuvor, brauchte ein sachlich wie symbolisch passendes Gehäuse“, so Reinhard.

Stalin schliff das Gehäuse in Moskau, Hitler in seiner Hauptstadt Berlin. Sein Adlatus Albert Speer plante gemeinsam mit dem Führer, der aus der tiefsten oberösterreichischen Provinz kam, die „Welthauptstadt Germania“, ein größenwahnsinniges Vorhaben mit einer Nord-Süd-Achse von 40 Kilometern Länge, die hin zur „Großen Halle“ führen sollte, einer Betonspannkuppel mit einer Höhe von 290 Metern, unter der 180 000 Menschen Platz gefunden hätten. Für das monströse Projekt hätte man in Berlin 50 000 Wohnungen in Schutt und Asche legen müssen. Den Job erledigten alliierte Bomber.

Gewiss: Gegen Hitlers Pläne wirkt die neue Berliner Mitte bescheiden. Aber sind die wuchtigen Neubauten, das Stahlbeton-Geprotze des Regierungsviertels bis hin zum Potsdamer Platz wirklich Symbole einer freien und offenen Gesellschaft? Oder zeigt hier nicht einmal mehr der Staat, wie er aussieht, wie er sein will – groß, kompakt, schwer? Der Bürger gehört zur Kulisse. Das Kollektiv soll Ehrfurcht haben. Das Kollektivteilchen darf sich ein wenig größer vorkommen, als es ist. Freiräume sehen anders aus.

Stadtrundgang, sechste Station: Brutalismus.

Besonderheit: 2,25 Meter sind hoch genug für die Wohnmaschine

„Wir werfen bewusst hergebrachte Konventionen in Lebenshaltung und Wohnen ab. Es zeigt sich ein neuer Lebenswille, welcher Ausdruck sucht in Wohnung, Staat und Kunst. Ohne diesen Kollektivwillen wäre (...) die Arbeit großer Männer und Architekten zwecklos (...). Wir schulen unser Formgefühl an den reinen Zweckformen der Technik und Industrie. Das sind die Kinder unseres Geistes.“

Das klingt ein bisschen nach Hitler, ein wenig nach Stalin, es könnte auch Mao gewesen sein, es war aber einer, der im bürgerlichen Bildungskanon ganz oben mitschwingt. Geschrieben hat diesen Schwachsinn der einflussreichste Architekt des 20. Jahrhunderts, Charles Edouard Jeanneret-Gris, der sich Le Corbusier nannte. Wir verdanken ihm wenigstens die Einsicht, dass Menschen in der Stadt nicht am Rande schmutziger Industriezonen hausen sollen. Sonst verdanken wir ihm das Aussehen und die Definition von Stadt, wie sie sich heute zeigt.

Was Le Corbusier 1933 in der „Charta von Athen“ schreibt, aus der das Bekenntnis zum maschinengerechten Stadtbauen stammt, trennt die Stadt in drei Sektoren. Die Innenstadt ist der Verwaltung, dem Handel, den Banken, dem Einkaufen und der Kultur vorbehalten. In einem dichten Ring um diese Stadt und voneinander getrennt entstehen die Quartiere der Industrie, des Gewerbes und Wohnanlagen. Die Peripherie der Stadt besteht aus Satellitenstädten mit reiner Wohnfunktion. Dieses Modell kennen wir alle, wir sehen es täglich. Und wir sehen, wie die Innenstädte veröden und die maschinengerechte Systematik der Stadt das Verkehrschaos anheizt. Wir sehen, wie aus den auf dem Reißbrett so eindrucksvollen Trabantenstädten neue Ghettos wurden. Die Stadtmaschine ist ein Irrtum.

Die Zentralisten im 19. Jahrhundert räumten mit den verhassten Freiheitssymbolen der Stadt auf. Ihre bürgerlichen Nachfolger, deren Messias Le Corbusier wird, verherrlichen die Grundlage ihrer Macht: die Maschine, die Industrie.

Dieses Wesen soll überall wirken. Funktionalität nennt man das, und es ist, wie so oft, das genaue Gegenteil dessen, was behauptet wird. Eisen, Beton, Quader, schallharte Materialien, die man industriell fertigen kann, werden zum wichtigsten Rohstoff des Bauens.

Es gibt viel zu bauen nach dem Zweiten Weltkrieg im zerstörten Europa. Die industriellen Stadtmacher sind überall. Jedes noch so wahnwitzige Satellitenstadtprojekt wird als soziale Großtat verkauft. Man verdrängt kleine Händler und Läden, aber auch unzählige Mieter aus den Innenstädten, wo sie nach Plan I – wie Industrie oder Irrsinn nicht hingehören. Der Kampf der Zentralisten, die Menschen und ihre Lebensräume fest im Griff, unter Kontrolle haben wollen, geht in die nächste Eskalationsstufe.

Es wird brutal.

Le Corbusier liebt als Baustoff ganz besonders den sogenannten Sichtbeton. Bei dem zeichnen sich die Abdrücke der Bretterverschalung nach dem Trocknen klar ab. Es gibt keinen Putz, keine Farbe. Im Französischen heißt dieser Baustoff béton brut – und er gibt dem Baustil seinen Namen: Brutalismus. Die Rohheit kommt in die Städte. Es ist unübersehbar. Le Corbusier nennt seine Wohnhäuser „Wohnmaschinen“ – und das ist ganz ernst gemeint. Seine unzähligen Epigonen bauen wild nach dieser Methode. Das Modell wird Vorbild für die Plattenbauten der DDR und die meisten trostlosen Trabantenstädte in Ost und West. „Die reinen Zweckformen der Technik und Industrie“ sind Le Corbusier nicht genug. Wer nach industriellem Standard plant, muss auch den Menschen in diese Norm einpassen. Seit 1942 arbeitet Le Corbusier an seinem „Modulor“, einem Proportionssystem, bei dem ein normierter Durchschnittsmensch alle weiteren Maßreihen bei Bauten beeinflusst. Der Standardmensch ist zunächst 1,75 Meter groß, eher ein Männchen, in den fünfziger Jahren darf er auf 1,83 Meter wachsen. Le Corbusier legt fest, wie hoch Decken sein dürfen und wie breit Räume, alles so angelegt, dass der „Modulor“ reinpasst – gerade eben. Das Meisterwerk dieses Brutalismus steht in der Nähe der französischen Stadt Lyon. Es ist das Kloster Sainte-Marie de La Tourette. Das ganz besondere Tourette-Syndrom zeigt sich nicht nur von außen, in einem grauen Klotz, der an einen Flakturm aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert. Die Zellen der Dominikanermönche zeigen, wie man „bewusst hergebrachte Konventionen“ abwirft: Sie sind alle 2,26 Meter hoch und 1,83 Meter breit. In Berlin baut Le Corbusier ein Wohnhaus – er nennt es Wohneinheit -, aber die Behörde fordert eine Deckenhöhe von zweieinhalb Metern. Der Meister distanziert sich. 25 Zentimeter mehr Freiraum sind für ihn nicht akzeptabel.

Ausgangspunkt für die konkrete Legeanordnung sind historische Erscheinungen, die Nadine Adam in der Literatur zu Halle-Neustadt fand. Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland setzte sich infolge der wirtschaftlichen Herausforderungen der Nachkriegszeit Maximale Effizienz durch. Sie führte zur Konzentration auf industriellen Fertig- und Modulbau, um die Produktivität zu steigern sowie Kosten- und Zeitaufwand gering zu halten. Besteht nicht eine Vielzahl solcher grenz- und systemüberschreitender Maximen trotz gegenseitiger politischer und inhaltlicher Abgrenzung? In Analogie zu Zellwänden sind auch politische Grenzen nicht abgeschirmt, sondern hinsichtlich bestimmter Ideen osmotisch durchlässig. Das Modell kann als Diagrammatik des Diffundierens und der Transformation begriffen werden.

Stadtrundgang, siebte Station: Können, nicht müssen.

Besonderheit: Vertrauen reguliert die Stadt

Das ist Starrsinn nach Plan, nichts weiter. Und menschenverachtend obendrein. Viele sind heute von Le Corbusier abgerückt – aber sein Geist schwingt im großspurigen Besserwissen darüber, was gut ist, gesund und richtig, überall mit. Kaum jemand sagt: Das weiß der Mensch schon selbst. „Es ist wie sonst auch im Leben – Städte sind nicht, wie Stadtplaner sie wollen. Da gibt es Zufälle, und die sind die Grundlage für alles Weitere“, sagt der Münchener Soziologe Armin Nassehi, der sich seit Jahren mit dem Urbanen und seinen Formen beschäftigt: „Die Stadt ist ein Markt, und das heißt immer, es gibt viele Möglichkeiten. Wenn man die Leute fragt, was sie an Städten schätzen, dann sagen sie oft: ,Ich könnte ins Kino, ich könnte in dieses oder jenes Theater oder sonst was machen.‘ Aber sie müssen nicht. Das ist der klassische Freiraum – man kann, aber man muss nicht.“ Das nennen manche „Möglichkeitsräume“, kein schönes Wort zugegebenermaßen, aber richtig. Diese Möglichkeitsräume sind ein Zeichen für eine entwickelte Zivilisation. Wir haben die Wahl, und wir lernen am Stadtbewohner, dass wir nicht alles haben müssen, was es gibt. Die Stadt zwingt zur Entscheidung, denn ihr Überflussangebot ist allgegenwärtig. Nur wer lernt, darüber nachzudenken, was er will, kommt hier durch.

Und noch was: Nur wer lernt, dass man Regeln braucht, um mit anderen so zu leben. „Wer in großen Strukturen lebt, der muss anderen mehr vertrauen, und er muss sich auch selbst regulieren“, sagt Nassehi. In der Stadt ist es sehr schnell klar, dass nicht jeder machen kann, was er will man schwimmt im Strom, was mir nützt, nützt auch anderen. Wenn jeder macht, was er will, könnte niemand U-Bahn fahren oder auf die Straße gehen. Städter glauben an Regeln – die auf Vertrauen basieren.“

Vertrauen statt Kontrolle und die Fähigkeit zu entscheiden – das sind zentrale Merkmale einer Spezies, die der amerikanische Ökonom Richard Florida „die kreative Klasse“ nannte. Der, sagt heute nicht nur Florida, gehört die Zukunft. Ohne Stadt ist das nicht vorstellbar. Leute, die sich entscheiden können, tun das heute im globalen Maßstab. In welcher Stadt sie leben, hängt davon ab, was die zu bieten hat. Was das sein kann, darüber zerbrechen sich Kommunalpolitiker auf der ganzen Welt den Kopf. Man geht nicht mehr nach Amerika, man geht nach Palo Alto oder Seattle. Man will auch nicht mehr in Deutschland leben, sondern in Berlin, Hamburg oder München.

Die Konsequenz ist einfach: Unternehmen folgen den Qualifizierten und Kreativen, den Ideenarbeitern. Und auch die Unternehmen fragen: Was wollen die eigentlich? Die Wirtschaftsgeografin Anne von Streit und ihre Kollegin Sabine Hafner von der Ludwig-Maximilians-Universität in München sind dieser Frage nachgegangen. Ihre Studie heißt „München – Standortfaktor Kreativität“, und was sie herausgefunden haben, das gilt wohl auch für die meisten anderen Städte, die sich heute um kluge Köpfe bemühen.

Die Neubürger, die heute selbstständig denken und damit ihr Geld verdienen, mögen keine Wohnmaschinen. Ihre „bevorzugte Wohnlage“ ist die Innenstadt. Fast 63 Prozent der von den Forscherinnen befragten Leute wollen dort leben – und mehr als die Hälfte tun es auch. Das sind mehr als doppelt so viele wie bei der Kontrollgruppe, also den Durchschnittsangestellten, für die man im Allgemeinen Politik macht und Städte plant. Wo arbeiten die Neubürger? Überall, nur nicht im Büro, fanden die Forscherinnen heraus. Mehr als 85 Prozent sind auch zwischen sieben und zehn Uhr abends noch bei der Arbeit – doppelt so viele wie bei den Normalos.

Und 71,5 Prozent der neuen Bürger arbeiten vorwiegend von zu Hause aus. „Aufs Land wollen die wenigsten“, weiß Anne von Streit, und auch dafür gibt es einen triftigen Grund: „Die Leute arbeiten konzentriert und ohne große Infrastruktur – und was Angestellte sich im Büro holen, soziale Bestätigung und Kontakte, das holen sich die Kreativarbeiter eben in einem lebendigen Umfeld in der Stadt.“ Der selbstbewusste, selbstständige Bürger erobert sich die Stadt zurück – die lange Jahre nur Verwaltungszentrum, Hauptstadt und Verwaltungszentrum der Industrien vor der Stadt war.

Für die neuen Bürger und ihre Bedürfnisse wird sich die Stadt auch ändern müssen, noch mehr als bisher.

Aber, so lautet die alte Frage, was kann man konkret tun? Mehr Kino? Mehr Theater? Lustige Umzüge? Karneval? HipHop? Weniger Wahlplakate? Mehr Bars? Was? Wie bitte?

Genau, richtig gehört: ganz ruhig bleiben.

Stadtrundgang, achte Station: Linz.

Besonderheit: Demokratie ist, wenn man hört, was man will

Linz, ausgerechnet. Die oberösterreichische Industriestadt stand viele Jahrzehnte für eine Reihe unschöner Dinge. Adolf Hitler ist in dieser Stadt aufgewachsen. Und sozusagen als Dankeschön errichteten die Nazis ein Schwerindustriezentrum, die „Reichswerke Hermann Göring“, eine riesige Stahlfabrik. Linz war das Synonym für hässlich, schmutzig, laut. Die verstaatlichte Stahlindustrie gibt es nicht mehr. Geblieben ist ein Hightech-Anbieter, die Voestalpine AG, und eine Stadt, die man nicht wiedererkennt. Hier findet seit Jahren das Avantgardefestival Ars Electronica statt. Hier lebt und wirkt Peter Androsch, Komponist und künstlerischer Leiter der Sparte Musik der Kulturhauptstadt Linz 2009. Wer ihm zuhört, der versteht schnell, warum Linz, das ehemalige Schmuddelkind der Alpenrepublik, heute den Ruf genießt, ein Prototyp für die Stadt der kreativen Bürger zu sein.

„Wir arbeiten hier an der akustischen Raumplanung, sagt Androsch, und dann legt er los, ein lebendes Lexikon in Sachen Klang, Ton, Lärm. Er redet über die Zwangsbeschallung in Geschäften und in öffentlichen Räumen, der man nicht entrinnen kann. In Linz haben auf seine Initiative hin Läden und Kaufhäuser in der Innenstadt ihre „Kaufhausmusik“ abgestellt. Er spricht über das Gehör, das man nicht so einfach abstellen kann, und wie viele Informationen auf uns einprasseln, die uns krank machen und unkonzentriert, die Kopfarbeit unmöglich machen. Er redet über falsche Architektur: „Vor hundert Jahren konnten Architekten Versammlungsräume noch so gestalten, dass man ohne Beschallungsanlage eine Rede halten konnte. Versuchen Sie das heute mal. Unmöglich! „ Er wettert gegen industriell gefertigte „schallharte Materialien“, Stahl, Beton, Glas also, die an Fassaden in Stadthäusern den Schall reflektieren und damit verdoppeln.

Er weiß, dass die meisten Büro- und Wohngebäude Versorgungsschächte für Kabel und Leitungen haben, die „funktionieren wie der Resonanzkörper eines Instruments“. Man hört mittlerweile auf Leute wie Androsch: In der Industriestadt Turin hat man einen „Tag gegen den Lärm“ ausgerufen. Androsch und seine Mitstreiter wissen, wie wichtig das Lärmbewusstsein für die Entwicklung der Stadt ist, in der Wissensarbeiter und Kreative schaffen: „Es geht nicht um Stille, es geht darum, dass wir endlich anfangen, ernst zu nehmen, was wir hören.“

Das ist ein handfestes Argument. Wer seine Sinnesorgane mit sinnlosen Informationen überreizt, wird krank – eine Zunahme von Herzinfarkten und gefährlichem Stress als Folge von Lärmüberflutung ist längst nachgewiesen. Städte, die ihre Bewohner nicht vor Lärmsmog schützen, vor unerwünschtem Krach, sind miese Orte für Wissensarbeiter. Und wer gegen die handelt, verrechnet sich. Peter Androsch weiß das. Der Komponist und Kulturmanager hat auch mal Volkswirtschaft studiert. Er weiß, dass das Gute sich rechnen soll. Und dass man Angebote machen muss: Linz soll „zum Akustikzentrum der Welt“ werden. Eine Stadt als Labor und Vorbild für den richtigen Umgang mit laut und leise, Klängen und Tönen.

Mit Gleichgesinnten hat er ein „Akustisches Manifest“ geschrieben – und es im französischen „Le Figaro“ publiziert, in der Zeitung also, in der Filippo Tommaso Marinetti im Februar 1909 sein Manifest „Le Futurisme“ veröffentlichte. Der Lieblingsort des Futuristen ist die „lärmende Stadt“, und Marinetti will sich selbst und andere zum „Maschinenmenschen“ machen. Faschisten und Kommunisten finden das gleichermaßen toll. Diktaturen sind laut und brutal. Sie fragen nicht, sie brüllen. Reih dich ein, Genosse, dicht geschlossen. So etwas darf nicht mehr gehen. Demokratie ist ein ruhiges Geschäft. Und es ist, sagt Androsch, höchste Zeit, über die „Demokratisierung des Gehörs“ nachzudenken.

Zu hören, was man will.

Stadtrundgang, neunte Station: Favelas. Berlin. Clint Eastwood.

Besonderheit: Lerneffekte

Die Demokratie ist eine städtische Erfindung. Sie lehrt, dass das Große dem Einzelnen dient. Der Bürger, der städtische Mensch, hat keine Mühe mit dieser Übung. Ruhe ist oberste Bürgerpflicht, und das heißt nicht spießige Ruhe, sondern soziale Verantwortung, die man auch Rücksicht nennen kann. Die Stärke der Stadt ist es, Menschen zu integrieren und sie, genauso wichtig, in ihrer Entwicklung in Ruhe zu lassen. Chancen anbieten, aber keine aufzwingen. Das lehren auch die Favelas. Man schleift sie nicht mehr. Nun baut man Wasserleitungen, Kanäle, legt Kabel. Eine Chance anbieten also und auf Eigeninitiative setzen. Das ist nicht perfekt, kein großer Wurf. Aber es ist besser. Es ist echt. Es schafft Vertrauen.

Das braucht man in Rio und anderswo, etwa in Berlin. Die Stadt hat weltweit einen guten Ruf. Sie gilt international als Metropole der Kreativen, ihr wird – wenigstens im Ausland, wo niemand eine Hauptstadtallergie hat – ein großes Zukunftspotenzial zugestanden.

Eckard Minx, Leiter der Gottlieb-Daimler-und Karl-Benz-Stiftung, Berliner und Mitglied im „Berlin-Board“ des Bürgermeisters, erklärt, warum das so ist. „Unser Glück ist, dass wir während der Trennung der Stadt, also mehr als 50 Jahre lang, nichts Großes gemacht haben, nichts entwickelt haben – zumindest nicht im Sinne großer Planung. Die Stadt wurde einfach in Ruhe gelassen. Deshalb kann man hier neues Wissen schaffen und experimentell erproben.“ Zumindest, wird man hinzufügen müssen, dort, wo die Beeindruckungsarchitektur der Mächtigen noch nicht die Freiräume behindert. Ein Glück, wenn Politik nicht alles gleichmachen kann. Das ist die Quintessenz zur Stadt: Die braucht Ruhe, um sich zu entwickeln. Clint Eastwood hat natürlich recht: Reiten wir in die Stadt. Der Rest ergibt sich.

Der blaue Hirsch hat sein Geweih wieder

Christian Hirte, 2017

Gewöhnlich wache ich mit der Morgendämmerung auf. Einige Minuten kann man verfolgen, wie sich die Erde der Sonne entgegen dreht. Die Dämmerung schaltet sich als eine diffuse Schwelle zwischen Nacht und Tag. Eigentlich ist es ein fließender Übergang. Aber unsere Begriffe von Tag und Nacht verlangen nach einer klaren Schnittstelle, wo der Eine beginnt und die Andere endet. Insofern markiert die Dämmerung das geradezu klassisches Modell des Nicht mehr, noch nicht.

Als räumliche Metapher entspricht dem Nicht mehr, noch nicht vielleicht am ehesten eine Drehtür. Ihre Bewegung beschreibt einen Zwischenraum, der nie entschieden Drinnen oder Draußen ist, sondern immer beides zugleich.

Nicht mehr, noch nicht beschreibt eine Sphäre zwischen den definierten Aggregatzuständen. Da brütet sich etwas aus, was erst langsam Kontur gewinnt – wie im Entwicklungsprozess einer analogen Fotografie. Es ist ein Gehäuse der Latenz. Soweit die Draufsicht.

Etwas anderes ist es, selbst in diese Zwischenwelt einzutreten oder in sie hineingeworfen zu sein. Einerseits erlebt man, dass gewohnte Maßstäbe an Gültigkeit verloren haben, dass sie die alte Verlässlichkeit nicht mehr bieten. Man wird vorsichtig, bewegt sich wie auf einer nicht recht belastbaren Eisdecke oder nachts durch ein Dickicht. Instinktiv schärft sich zugleich die Wahrnehmung. Wie an den ersten Tagen in fremder Umgebung sehen, hören, riechen wir intensiver. Darum prägen sich erste Eindrücke auch besonders nachhaltig ein. Das gilt für die Begegnung mit Menschen, wie mit Orten.

Ich zum Beispiel trage so eine kleine Sammlung von Halle-Eindrücken mit mir herum. Einschränkend muss ich einräumen, dass sie allerdings einer familiären Vorprägung unterlagen. Ende des 19. Jahrhunderts war mein Urgroßvater als Buchhändler nach Halle gekommen. Die Stadt expandierte damals rasant und verzeichnete entsprechenden Zuzug. In den 1920/30er Jahren hatten meine Großeltern zum wohlhabenderen Bürgertum gehört. Am Ende blieb ihnen nicht viel. 1956 verließen sie die Stadt Richtung Westen. Trotzdem besuchte meine Großmutter weiter regelmäßig die Händel-Festspiele und mein Vater vermisste in Hamburg die hallesche Chormusik. Halle war für mich eine irgendwie umwölkte Erzählung.

1. Begegnung: Frühling 1984

Die Saale schleppt sich wie fette Bratensoße dahin. Die Franckeschen Stiftungen erinnere ich in der Patina altgewordener Fassaden von warmer tiefgelber Farbe. Wenn es in einem Restaurant Bierdeckel gab, wurden sie von den Obern wie Raritäten behandelt und gleich wieder eingezogen. An vielen Stellen der Stadt geben Gerüche darüber Auskunft, wo man sich befindet. Glaucha und seine Fabriken schienen meiner Gastgeberin damals nicht vorzeigewert, auch Neustadt nicht.

2. Begegnung: Herbst 1996 (oder so)

Von der alten Schwerindustrie ist wenig geblieben. Glaucha, das alte Arbeiterviertel, wirkt wie ausgestorben. Man fühlt sich allein in den Straßen und beobachtet sich selbst, wie in einer Traumsequenz. Die Gerüche haben sich in die Flure der Häuser zurückgezogen. Trotzig klammern sie sich in den Winkeln fest. Die Atmosphäre hat etwas Melancholisches. Vielleicht lag das auch an der Jahreszeit, passt aber zur Stimmung einer Art Inkubationszeit. Vereinzelt bemerke ich aber, wie die Stadt sich zu häuten beginnt.

3. Begegnung: Winter 2003/04 und einige folgende Jahre

Am 31.12.2003 komme ich nach Halle. Diesmal beruflich. Am Silvesterabend streune ich durch die Stadt, wie Jeanne Moreau in La Notte durch die Mailänder Vororte. Versuche irgendetwas aufzuschnappen von der Stadt. Es sind am frühen Abend aber kaum Menschen auf der Straße. Später lande ich im Zazie. Carla Bruni haucht dieses Quelqu'un m'a dit in den Raum. Gespräche am Tresen. Irgendwann ist dann Jahreswechsel und irgendwann bin ich wieder „zuhause“. Wenige Tage später soll ich meinen Dienst bei der Stadt Halle antreten, als Leiter des Stadtmuseums.

Drei Wochen später treffe ich Ulrich Klieber auf der Straße, damals Rektor der „Burg“. „Na“, sagte er, „schon angeeckt?“. Ich fragte mich: Ist das nur ein Spruch, kennt der Mann das Leben oder ist das in Halle Programm?

Die Amtszeit von Frau Häußler als Oberbürgermeisterin neigte sich langsam ihrem Ende entgegen. Die Ära ihres Vorgängers, Klaus Peter Rauen, hallte noch spürbar nach. Damals waren frisch und hell denkende Köpfe nach Halle gekommen. Besonders von der Stadtplanung strahlt ein intellektueller Enthusiasmus aus, der mitreißen konnte, den aber ein Überbau-Charakter auszeichnete, der vielen Hallenser/innen fremd blieb. Irgendwie fanden die Diskurse nicht zusammen.

Ich fühlte mich damals genauso prekär im Nicht mehr, noch nicht, wie ich die Stadt selbst eigentlich immer schon wahrgenommen hatte. Halle schien immer mehr hinter oder vor sich zu haben, als dass man es als bleibenden Zustand hätte wahrnehmen können. Dieser Befund spiegelte sich auch in den Haltungen der Menschen. Für die einen war Halle ein frischer Entwurf nach vorn, für andere das skeptisch verteidigte Biotop ihres bisherigen Daseins.

Das spürte ich bis in die eigene Belegschaft hinein. Was mir wichtig ist, ist meinen Mitarbeiter/innen eher peinlich – und umgekehrt. Manchmal diskutierten wir eine Viertelstunde und merkten erst dann, dass wir Begriffe ganz anders verstanden. Schnell ist man bereit sich gekränkt zu fühlen – oder gibt sich wenigstens so. Meinerseits habe ich eine Abneigung gegen kollektive Mittagspausen. So kommen wir nie wirklich zusammen.

Das Wahrzeichen der Apotheke am Markt ist ein blauer Hirsch. Früher trug er ein stattliches Geweih. Es ist ihm abhanden gekommen. Vielleicht rostete das Drahtgestell im Innern und sprengte den Stuck einfach ab. Ich nehme das als Wunde wahr und irgendwie tut es mir leid.

Meine Töchter kommen zu Besuch. Sie lieben Halle für seine Überschaubarkeit, die heiße Schokolade im Roten Horizont, das Puppentheater und die Nutrias an der Saale. Ihnen fällt auf, dass die hallesche Straßenbahn eine geringere Spurweite hat als in Berlin. So etwas kriegen nur Kinder mit. Auf die Frage, was Neu- und Altstadt unterscheidet, sagt Cora (11): „Grüner, heller, Hochhaus“. Neustadts Architekt Richard Paulick hätte sein Konzept kaum besser auf den Punkt bringen können.

Überhaupt: Neustadt. Je properer sich die Altstadt herausputzte, desto mehr schien sich die Neustadt von ihr zu entfernen. Fuhr man mit der Straßenbahn nach Westen, meinte man einem eigenen Menschenschlag zu begegnen. Abgekoppelt? – Es regte sich eine muntere Gegenbewegung, die gerade die Neustadt als Werkstatt und Labor entdeckte: Das Hotel Neustadt des Thalia-Theaters, die Neustadt Gärten, Werkleitz' Nachweis für Besiedlung und die Rettungsversuche für den Bahnhof Neustadt... Der wird geradezu zum Symbol des Überlebenswillens. Die Ausstellung Shrinking Cities hat nie einen treffenderen Rahmen gefunden.

Am Abend eines Herbsttages im Jahr 2008 besteigt Daniel Herrmann in angetrunkenem Zustand mit einigen Begleitern die Baugerüste im Innern des Roten Turmes und kommt glücklich in der zweiten Geschossebene an. Ich selbst habe in Halle den Zustand zwischen Ankommen und Angekommensein nie wirklich verlassen. Im Rückblick sehe ich mich, wie Bill Murray am Groundhog Day – beim täglich erneuten Versuch, da zu sein. Schließlich war es gut, Halle zu verlassen.

4. Begegnung 2017

Kurzbesuch zur Eröffnung des Werkleitz-Festivals. Die Hochhäuser, die wie Pylonen die Zufahrt der Magistrale markierten, sind fort. Die „Spitze“ ist endlich (belanglos) bebaut, das Modehaus Wöhrl hat sich verabschiedet. Es gibt noch die Drogerie am Hallmarkt und den Traditionsoptiker in der Großen Ulrichstraße. Der Stadtsingechor gibt in der Marktkirche eine zauberhafte Motette. Das Alt Halle ist jetzt ein ungarisches Restaurant. Die Lieblingspizza im Da Luca schmeckt nicht wie früher. Der blaue Hirsch der Markt-Apotheke hat sein Geweih wieder.

Stadtzahlen

Manuel Nolle, 2017

Shrinking Cities?

Anstieg der Stadtbevölkerung in Halle/Saale (2010–2015), in Prozent: 3,2
Anstieg der Stadtbevölkerung in Paris (2010–2015), in Prozent: 1,3
Anstieg der Stadtbevölkerung weltweit (2010–2015), in Prozent: 10,8
Geschätzter Anteil der Stadtbevölkerung weltweit bis 2050, in Prozent: 66,4

Halle wächst! Warum?5

Veränderung der absoluten Zahlen der Einwohner mit Hauptwohnsitz in Halle/Saale (2012–2016): +7 203
Veränderung der absoluten Zahlen der Einwohner mit Hauptwohnsitz in Halle/Saale und ohne deutsche Staatsbürgerschaft (2012–2016): +9 795
Veränderung der absoluten Zahlen der Einwohner – Geburten minus Sterbefälle – in Halle/Saale (2012–2016): -3 850

Öffentlicher Raum

Öffentlicher Raum als soziale Übereinkunft

ein Interview von Manuel Nolle 2017

Marjetica Potrč ist Künstlerin und Architektin. Aufgewachsen in Sloweniens Hauptstadt Ljubljana lebt sie mittlerweile in Berlin und arbeitet als Professorin an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Ihre Arbeiten, darunter auch Zeichnungen und ihre Architectural Case Studies, waren unter anderem auf der Biennale in Venedig und im Guggenheim Museum New York ausgestellt.

Werkleitz Ihre Arbeitsmethoden lassen sich sehr gut an einem Projekt darstellen, das sie mit StudentInnen von Ihnen im südafrikanischen Soweto durchgeführt haben. Was haben Sie dort genau gemacht?

Potrč Das Soweto-Projekt war eine Zusammenarbeit zwischen BewohnerInnen vor Ort und Studierenden der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Zusammen entwickelten wir die Idee, einen zentral gelegenen, öffentlichen Platz umzugestalten. Der Platz, um den es ging, wurde rund 40 Jahre lang als lokale Müllkippe genutzt. Die Community, mit der wir zusammengearbeitet haben, lebte ebenso lange um diese Deponie herum. Wir wollten den Platz zu einem Ort für die Gemeinschaft umgestalten. Er sollte sowohl von den Leuten vor Ort organisiert als auch am Leben gehalten werden. Exemplarisch an dem Projekt sind nicht nur die Herausforderungen, denen wir uns dort stellen mussten, sondern auch der Erfolg, in den das Projekt mündete. Dieser Erfolg liegt darin, dass wir irrelevant wurden. Irrelevant, weil das Projekt von den BewohnerInnen ohne uns weitergetragen wurde. Heute heißt der Platz Ubuntu Park. Er wird von einer festen Gruppe von Anwohnern geleitet und hat unter anderem eine Bühne für Theater- und Musikaufführungen.

Werkleitz Was genau war das Ziel des Soweto-Projektes?

Potrč Im Allgemeinen denke ich, dass es heute extrem wichtig ist, gemeinschaftlich organisierte öffentliche Räume zu haben. Einfach schon deswegen, weil so Gemeinschaften nachbarschaftlichen Zusammenhalt generieren können. Ich glaube, das dieser wiederum die Bildung einer resilienten Stadt ermöglicht. Gemeinschaftsprojekte, wie unseres in Soweto, sind wie kleine Labore, in denen gelernt wird, miteinander zu kommunizieren und eine Stadt von unten aufzubauen. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass solche Orte das Potential dazu haben, Menschen einen Anstoß zu geben sich politisch mehr zu engagieren.

Werkleitz Wie schaffen Sie es, dass sich die Menschen vor Ort eingeladen fühlen, bei Ihrem Projekt mitzumachen?

Potrč Die normale Herangehensweise, wenn Studenten und Studentinnen für Workshops ins Ausland gehen, sieht so aus: Man weiß meist schon im Vorhinein, was man tun wird. Und wenn man dann dort ist, macht man das auch genau so. Wir aber entwickeln unser Projekt gemeinsam mit den AnwohnerInnen vor Ort. Und zwar gleich von Anfang an. Ich glaube auch, dass das der Grund ist, warum uns die Menschen vertrauen. Sie fühlen sich eingebunden und freuen sich dann auch etwas zu tun.

Werkleitz Es ist häufig so, dass Menschen nicht immer Zeit haben sich in ihrem Wohnumfeld einzubringen. Sei es wegen Arbeit oder Familie. Was würden sie diesen Menschen entgegenbringen?

PotrčMan kann klein anfangen. Um genau zu sein, läuft das sogar häufig so. Ich habe heute das Projekt Stadt. Raum. Wandel in Halle-Neustadt besucht. Ganz nebenbei ist das ein wunderbarer Name, weil es genau das ist, was ich in meinen Projekten versuche: Einen Stadtraum umzuwandeln. Dort ist es mittlerweile so, dass die Einwohnerzahlen nicht mehr rückläufig sind – was sie lange Jahre waren. Allerdings sind es nun sehr unterschiedliche Gemeinschaften, verschiedenste gesellschaftliche Profile, die sich dort einen Lebensraum teilen. Und für viele stellt der öffentliche Raum dort ein Problem dar, weil er nicht funktioniert. Die Menschen dort spüren nicht, dass der Raum ihnen gehört. Oder sie haben sogar Angst, wenn sie sich dort aufhalten. Mir scheint das Soweto-Projekt so wichtig, weil es ein gutes Beispiel ist, um aufzuzeigen, wie wichtig der öffentliche Raum ist, um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu entwickeln. Und noch etwas: Wir sollten öffentlichen Raum nie als selbstverständlich erachten. Er basiert hauptsächlich auf einer Übereinkunft hinsichtlich Nutzung, Verhaltensweisen und Umgangsformen. Und wenn es keine solche gesellschaftliche Übereinkunft gibt, gibt es auch keinen öffentlichen Raum. Der öffentliche Raum ist also eine gesellschaftliche Übereinkunft. Können sich die Bewohner eines Gebietes nicht verständigen, wird der öffentliche Raum zum Niemandsland und kann dadurch als unsicher oder sogar gefährlich empfunden werden. Einmal an diesem Punkt angelangt, gibt es jedoch eine Vielzahl an Möglichkeiten um zu intervenieren. Meiner Ansicht nach funktioniert es am besten, wenn sich die Menschen selbst die Hände schmutzig machen und den öffentlichen Raum selbst nutzbar machen. Auf diese Weise können sich die Bewohner in die Stadt, in der sie leben, eingliedern und bleiben nicht nur Einzelne ohne Anbindung an die Nachbarschaft.

Werkleitz Worin sehen sie aktuell die größten Probleme im Umgang mit dem öffentlichen Raum?

Potrč Generell würde ich sagen, dass das Problem des öffentlichen Raumes ist, dass wir so tun, als wäre er ein Geschenk der Hochmoderne. Diesem Verständnis zufolge, gehört der öffentliche Raum zwar allen, dadurch gehört er aber gleichzeitig niemandem. Darüber hinaus wird er privatisiert und kann dann von vielen nicht mehr problemlos genutzt werden. Man braucht dann immer das Einverständnis der Eigentümer. Der öffentliche Raum hat heutzutage also viele Problemstellen. Meine positive Lebenseinstellung allerdings lässt mich hier den Fokus auf die gemeinschaftlich organisierten öffentlichen Räume setzen. Ich glaube, dass durch diese Herangehensweise sowohl der öffentliche Raum, als auch die Stadt als Ganzes belastbarer wird und dass die einzelnen BürgerInnen sich mehr mit beiden verbunden fühlen.

Werkleitz In den vergangenen Jahren haben Sie an unterschiedlichsten Orten der Welt Projekte geleitet. So waren Sie neben Südafrika auch in Serbien und New Mexico. Haben sie im Laufe der Zeit so etwas wie einen Masterplan entwickelt, wie sie Menschen helfen können einen Gemeinschaftsort aufzubauen?

Potrč Erst einmal möchte ich sagen, dass wir den Menschen nicht helfen. Wo immer wir in die Gemeinschaften gehen, arbeiten wir mit ihnen. Das ist mir sehr wichtig. Wir haben gelernt, dass jede Situation sowohl unterschiedliche Herausforderungen an die BewohnerInnen stellt, als auch unterschiedliche Möglichkeiten unternommen werden, diese Herausforderungen zu meistern. Alle Projekte die ich mache, sind sehr unterschiedlich und somit ist es nicht möglich immer die gleiche Strategie anzuwenden. Leider ist das jedoch genau das, was neoliberale, sagen wir mal, Unternehmen machen. Es braucht aber viel mehr Zeit für individuelle Auseinandersetzungen mit dem Gebiet und seinen Bewohnern. Da kann man nicht einfach mit einer Universallösung angereist kommen. Und so ist es dann auch mit der Politik. Politiker denken, dass sie gezwungen sind kurzweilige Projekte zu unterstützen, da diese in kürzerer Zeit mehr Vorzeigbares hervorbringen. Will man einem Gebiet jedoch eine belastbare und nachhaltige Entwicklung ermöglichen, braucht das sehr viel Zeit.

Werkleitz Zeitintensiver wird es auch durch die Beteiligung, durch Partizipation, die eine große Rolle in Ihren Projekten spielt. Was könnten Stadtplaner in Halle, Berlin oder Ljubljana von dieser Herangehensweise lernen?

Potrč Naja, die Idee der Partizipation wurde nicht erst kürzlich entdeckt. Sie ist ein Konzept, dass in den 1960ern noch gut funktioniert hat. Leider wurde es dann im Zuge der Ausbreitung des Neoliberalismus, also etwa zwischen der sozialen Revolution 1968 und dem Zusammenbruch der Banken 2008, ein wenig unter den Teppich gekehrt. Und während sich seitdem die unterschiedlichsten Konzepte und Vorstellungen von Gegenwart und Zukunft über die Welt verteilt haben, wirkt es in Europa immer noch so, als wäre das Konzept der Partizipation ein ausschließlich akademisches Thema.

Werkleitz Sie sprechen viel von Partizipation, von Zusammenarbeit, von einem Miteinander. Spielen auch Unterschiede, Grenzen und Abgrenzungen, wie etwa Zäune, eine Rolle in ihrer Vision vom öffentlichem Raum?

PotrčDie BewohnerInnen, mit denen wir in Soweto zusammengearbeitet haben, wollten um den Gemeinschaftsort herum einen hohen Zaun errichten. Während wir – also die ArchitektInnen und DesignerInnen aus Deutschland – von einem offenen Raum für eine offene Gesellschaft träumten. Nach einigen Gesprächen haben wir dann aber verstanden, dass die Bewohner ihr Gebiet kennzeichnen wollen. Das war ihnen sehr wichtig. Es ging um ihren Raum, ihr Territorium. Das ist eine menschliche Eigenschaft, denke ich. Es geht immer um Aushandlungen – im Privatleben wie im öffentlichen Leben. Auch bei einem Gemeinschaftsprojekt muss die Beziehung zu den Anderen ausgehandelt werden. Am Ende wurde dann ein Zaun von einem halben Meter aufgestellt. Einfach nur um das Territorium zu markieren.

Zaun Schärfen

Grenzziehungen im öffentlichen Raum

Edit Molnár, 2010
Zaun schärfen, 2010, © Leopold Kessler

Leopold Kesslers Intervention nimmt ein rätselhaftes Objekt zum Ausgangspunkt, das an der Grenze von öffentlichem und privatem Raum verortet ist und diese Unterscheidung praktisch erst erschafft – den Zaun. Er macht dieses Objekt nicht nur zum Protagonisten seiner neuen Arbeit, sondern regt die hier ansässigen Hausbesitzer gleichzeitig zu einer scheinbar normalen, aber völlig neuen Aktivität an – dem Schärfen ihrer Zaunspitzen.

Der Künstler konnte verschiedene Einwohner von Halle überreden, an seinem Projekt teilzunehmen und diese Aktivität gleich einer einfachen und harmlosen Hausarbeit in ihren Alltag zu integrieren, so dass die Illusion entstand, dies sei nur eine weitere von Millionen kleiner täglicher Pflichten, die neben dem Gießen, dem Rasenmähen oder dem Rosenschneiden nun ebenfalls einfach zu erledigen ist. Kessler hat die absurde Aktivität des Zaunspitzenschärfens inszeniert und dann dokumentiert, um ein eindrucksvolles Bild zu schaffen, anhand dessen wir der gegenwärtigen Beschaffenheit des Verhältnisses zwischen öffentlichem und privatem Raum und den mit dieser Frage verbundenen gesellschaftlichen Ängsten nachgehen können.

Die meisten von Kesslers Arbeiten beschäftigen sich mit komplexen und vielschichtigen Fragen zum Thema des öffentlichen Raums; mit den Codes, den Trennlinien, den Normen und den unsichtbaren, aber mächtigen sozialen Regeln, die unser Verhalten bestimmen, wenn wir uns in ihm bewegen oder in ihm handeln. Kesslers Figur des bodenständigen Ingenieurs in der typischen blauen Uniform, der manchmal einen Werkzeugkoffer dabei hat, glaubt an die bürgerlichen Pflichten und kümmert sich um Dinge im öffentlichen Raum, die repariert oder im Sinne dessen, was Kessler als ihren eigentlichen Zweck ansieht, modifiziert werden müssen. All diese scheinbar so unbedeutenden Interventionen markieren einen sensiblen Bereich, an dem eine soziale und politische Kritik ansetzen sollte. Kessler interessiert besonders die Frage, wie soziale Beziehungen und Rollen in den öffentlichen Raum eingeschrieben werden, und sucht nach Rissen oder nach Gesten, mittels derer er ihre grausamen Automatismen offenbaren kann.

Ein Gartenzaun wird in Vorbereitung auf bevorstehende Konflikte angespitzt. Der Himmel über der Stadt Halle wird von den geschärften Spitzen eiserner Gartenzäune durchbohrt. Sie reflektieren die Sommersonne wie glänzende, aber gefährliche Schätze. Unschuldigen Passanten gefriert bei dem Gedanken, wie diese passiven Waffen den menschlichen Körper verletzen könnten, das Herz, und fiktive Eindringlinge erblassen vor Angst.

Eine Kritikerin hat in Bezug auf Kesslers Arbeiten die Vermutung aufgestellt, dass die Erschaffung dieser unbeirrbaren Figur dem Künstler helfe, selbst dann ruhig und präzise zu handeln, wenn seine Interventionen extrem subversiver oder gar absurder Natur sind. „Seine Überzeugung von der Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Aufgabe scheint unerschütterlich.“1 Und einer solchen Überzeugung bedarf es wohl auch, wenn er z. B. beschließt, das Wasser eines privaten Hotelpools in Form eines provisorischen Springbrunnens auf dem Bürgersteig in den öffentlichen Raum umzuleiten (Rotana Fountain, 2007) oder den Strom einer öffentlichen Straßenlaterne durch das Anbringen eines Steckers zu privatisieren.

Die Interventionen folgen einer bestimmten inneren Logik und Notwendigkeit, obwohl seine guerillahaften Aktionen weit außerhalb der Grenzen des öffentlich akzeptierten Verhaltens liegen. Kesslers spontane Auftritte finden immer unerwartet und ohne vorherige Genehmigung in unterschiedlichen urbanen Settings statt. In manchen Fällen „missbraucht“ er die Stadt und ihre öffentlichen Transportmittel auch, um die verschwendeten kreativen und innovativen Nutzungsformen aufzuzeigen, die den Bewohnern eigentlich offen stehen.

Wie Kessler selbst sagt, sind Humor und Ironie essentielle Bestandteile seiner Strategie: „Ich finde Risse in der allgemeingültigen Logik, indem ich dieser Logik bis zu einem bestimmten Punkt folge. Das ist wahrscheinlich so ähnlich, wie auch Slapstick funktioniert.“2 Zäune zu errichten ist normal und gesellschaftlich akzeptiert, aber sich dafür einzusetzen, die Zaunspitzen zu schärfen und dann auch noch eine solche Anspitzaktion zu organisieren, zieht das Ganze unabdinglich in die Welt des Slapstick, wobei sich die Komik aus der Interaktion zwischen den Beobachtern und dem Schatten des Absurden entwickelt und gleichzeitig auf unterschwellige sozio-politische Muster und Brüche verweist. Es ist in Kesslers Œuvre nicht ungewöhnlich, dass eine Arbeit um einen symbolischen Akt herum entsteht, der eine gewisse dunkle Angst sichtbar macht, die für andere leicht als gemeinsame Erfahrung zu erkennen ist. In Depot (2006), einer weiteren absurd komischen und ironischen Arbeit, benutzt er das Leuchtschild einer Polizeiwache – um genau zu sein, den Platz hinter dem „o“ auf dem Schild – als persönliches „Schließfach“, in dem er sein Geld versteckt. Im Fall einer früheren Intervention, bei der sein Interesse den Mechanismen der kollektiven und künstlich produzierten Paranoia galt, versah er Straßenschilder entlang der Straßen Wiens systematisch mittels einer selbstgebauten Zange mit vermeintlichen Schusslöchern (Perforation cal. 10 mm, 2007).

In einer Hinsicht unterscheidet sich Defensive Measure allerdings grundlegend von seinen früheren Arbeiten. Kessler lädt hier erstmals andere ein, an der Erschaffung seiner verstörenden Bilder im öffentlichen Raum teilzunehmen – die Besitzer der Häuser und Gärten, die von diesen Zäunen umschlossen werden. Indem er die Rolle des Installateurs ablegt, tritt er in den Hintergrund und wird zur unsichtbaren Figur des Trainers, der die Hausbesitzer in ihre Tätigkeit einweist. Die Absurdität, die dem Akt des Erschaffens dieser passiven und aggressiven Waffen innewohnt, hat etwas beängstigend Pathologisches.

Trotz seiner präzisen politischen und sozialen Analysen bleibt Kesslers Sprache stets im Bereich des Poetischen, einer Poesie des Banalen, die den Blick schärft und uns verstehen hilft, wie mikroskopische Interventionen die sonst oft verborgenen Makrodynamiken sichtbar machen können.

Halle Alle

Meike Jansen, 2010
Halle alle, 2010, © KUNSTrePUBLIK

Der höchste Punkt am Ort ist meist ein sakraler Bau, der den Mittelpunkt einer Gemeinschaft markiert: eine Kirche oder ein Gipfel des Kommerz. Wobei das eine das andere nicht zwingend ausschließt. Im mitteldeutschen Halle ist es ein Glockenturm, der Rote Turm. Er gilt mehr als 500 Jahre nach seiner Entstehung als der höchste freistehende Glockenturm Deutschlands. Mit seinen 76 Glocken verfügt er gar über das zweitgrößte Carillon der Welt. Ein mächtiger Zeigefinger Gottes, der als Instrument Menschen über die Tageszeit oder besondere Umstände informiert, sie anlockt und im besten Fall unterhält. Im Rahmen des Werkleitz Festivals 2010 Angst hat große Augen startet KUNSTrePUBLIK einen riskanten Versuch, der vielerlei Ängste auslösen kann und wohl auch wird.

Islamophobie, Arbeitslosigkeit, Kontrollverlust oder schlicht das Unbekannte bilden den Boden für Zweifel und Furcht bis hin zu Wut und Aggression. Der Glaube mag da weiterhelfen. Doch ausgerechnet da, wo Glauben herrscht, herrscht oft genug Angst. Um das zu wissen, muss man nicht in einen Heiligen Krieg ziehen. Die Grenze zwischen Unwohlsein und Angst ist schleichend und jedeR überschreitet sie irgendwann einmal.

Noch ist offen, was passiert, wenn KUNSTrePUBLIK im Zentrum Halles nicht die berühmten Glocken erklingen lässt, sondern ein Muezzin fünfmal täglich statistische Daten zu den gegebenen Zeiten vorbetet und so den ökonomischen und kulturellen Beitrag von BürgerInnen mit migrantischem Hintergrund vermittelt. Statistikgläubige mögen die Fakten mit religiöser Inbrunst als absolute Wahrheit verstehen. Dabei sind auch hier Zweifel angebracht. Erleichternd kommt hinzu, dass statt dem Adhan, dem „Allahu akbar/Gott ist größer“, das dem islamischen Gebetsruf üblicherweise vorangestellt ist, der surenartig gesungene Name der Stadt Halle alle eine humorvolle Brücke zu den BewohnerInnen und BesucherInnen Halles schlägt. Der Muezzin, der übrigens zum weltlichen Personal einer islamischen Gemeinschaft gehört, wird im christlichen Gemäuer zum Sinnbild des Mittlers zwischen geistlichen und ökonomischen Werten und Welten, was zum Angstverlust beitragen sollte. Inshallah/So Gott will!

Doch ob es überhaupt so weit kommt, ist nicht gesichert. Denn bei Projektstart im Sommer 2010 weiß noch niemand, was geschehen wird, ob der Muezzin jemals den Turm besteigen wird, wie die Menschen reagieren. Es sieht allerdings vielversprechend aus... – glaubt man den Statistiken. 85 Prozent der BürgerInnen der ehemaligen Hansestadt gehören keiner Religion an, was Halle den ersten Platz unter den deutschen Großstädten mit den meisten konfessionslosen Einwohnern einbringt. Darüber hinaus zählt die Stadt an der Saale zu den Großstädten mit den wenigsten Muslimen. Empirisch gesehen dürfte unter diesen Umständen der Widerstand gegenüber dem Experiment um Glaube, Wissen und Angst also nicht allzu stark ausfallen. Rational gesehen gibt es ja nichts zu befürchten.

Bemerkenswert ist in diesen Zusammenhängen die visuelle Repräsentation des Ortes: das Stadtwappen mit dem vermeintlichen Halbmond und irreführenden Sternen, das stark an ein islamisches Symbol erinnert. Tatsächlich handelt es sich, dem Reichtum an Salz in dieser Gegend entsprechend, um eine Salzpfanne und zwei etwas missverständlich stilisierte Salzkristalle. Gesichert ist diese Ableitung allerdings nicht. Die Farben Rot und Silber lassen sich dagegen gesichert auf das Erzstift Magdeburg und die Hanse zurückführen. Und da – wie bereits angeführt – Ökumene und Ökonomie nicht auseinander zu dividieren sind, bleibt die Schlussfolgerung, dass die Kirche ihre moralischen Werte im 21. Jahrhundert nicht von der Kanzel vermittelt, sondern als zweitgrößte Arbeitgeberin der Republik über den Umgang mit ihren etwa 1,3 Millionen Beschäftigten. Frei nach dem Motto: „Gott lässt sich nicht bestreiken“, gelten hier ganz besondere Regeln.

Bei KUNSTrePUBLIK verweist das typographische Spiel mit dem Namen bereits auf ein Interesse an der Öffentlichkeit und somit auf besondere Regeln bei der Kunstproduktion. Seit der Gründung von KUNSTrePUBLIK, durch die Künstler Matthias Einhoff, Philip Horst, Markus Lohmann, Harry Sachs und Daniel Seiple im Jahr 2006 und besonders seit der Installation des Skulpturenpark Berlin_Zentrum, finden die Bürger einen besonderen Platz in den künstlerischen Projekten. Auch zu Beginn des Jahres 2010 bei der Metropolenoper Land’s End, die auf einem frisch erschlossenen Bauareal aufgeführt wurde, auf dem ein Edelquartier entstehen soll. Statt Liebende und enttäuschte Narren, rangen Investoren, Stadtplaner, Bürger und Aktivisten musikalisch um Rechte und Interessen und setzten zwischen ausgebrannten Limousinen Flächenkonzepte in Szene. Die eigentlichen ProtagonistInnen fanden sich auf den Logenplätzen: die AnwohnerInnen auf ihren Balkonen. In Halle werden sie vor allem bodenständig den Worten, die sich vom Roten Turm auf sie herabsenken, lauschen. Wie sie darauf reagieren?

Stadtkunst als transdisziplinärer Dialog

Paolo Bianchi, 2011

Kunst ist auch eine öffentliche Sache und das heißt, dass in dem Fall von einem gemeinschaftlichen Ereignis gesprochen werden kann. Weitet sich die Kunstszene von Atelier und White Cube auf Stadt und Öffentlichkeit aus, so vollzieht sich das in der geglückten Version mit einem hohen dialogischen Spannungsanteil an „öffentlichen Angelegenheiten“ (»res publica«).

Erlaubt ist, was stört!

Das führt zu jenem Doppelblick auf Stadt und Kunst, der nicht nach Harmonie strebt, sondern mit der Lust an der Herausforderung zu spielen weiß. Die Kunst ihrerseits setzt ihr Potenzial als Störung, Unterbrechung, als Durchkreuzung und Verschiebung oder als Gestus des Widerspruchs ein. Nach dem Motto: Erlaubt ist, was stört!

Res publica 2.0 bezeichnet den Prozess, in dem die Kunst als eingreifendes Ereignis im öffentlichen Raum zur Stadtkunst avanciert. Der Begriff steht für die Vorgehensweise von Bürgern und Künstlern, die am Lack der glatten Lebenswelten kratzen und die in den Routinen herrschender Strukturen und Umgangsformen den Grund für gesellschaftlichen Stillstand sehen.

Rütteln an den Stäben der Ordnungen

Bei der Stadtkunst stehen nicht wie bei der Architektur die Baukultur im Vordergrund, die das öffentliche Leben und den öffentlichen Raum in der Vergangenheit einschneidend geprägt haben. Im Mittelpunkt steht hier die Gestaltung jener offenen urbanen Plattformen, wo ein Verständnis von Gerechtigkeit, Freiheit und Sinn zu erwerben sein könnte.

Indem Kunst im öffentlichen Leben als Intervention in Erscheinung tritt, stiftet sie nicht schon per se Gerechtigkeit, Sinn und Freiheit. Vielmehr besteht ihre Technik in der Paradoxie einer gleichzeitigen Unterminierung dieser Begriffe, um sie an die Grenze ihrer gegenteiligen Bedeutung zu bringen. Durch eine Praxis subtiler Grenzsetzung und Grenzverschiebung lässt sich die Gestaltungsmacht zurückerobern, um ein Anderssein und Andersdenken in der res publica zu ermöglichen. Gerechtigkeit, Sinn und Freiheit gibt es nur, wie der Theoretiker Dieter Mersch im Buch Kunst und Medium (2002, S. 144) schreibt, „als Widerspruch, als Widerstreit, als das Rütteln an den Stäben jener Ordnungen, die das Soziale, das Kulturelle ausmachen“.

Funktion des Kurators als Dialogmeister

Die künstlerische und kuratorische Gestaltung von Kunst im öffentlichen Raum kann durchaus als eine Königsdisziplin bezeichnet werden. Erfordert sie doch jenes spezifische Denken und Handeln in Zusammenhängen, das sich den Herausforderungen der Komplexität und einer Disziplinen übergreifenden Praxis und deren Repräsentanten stellt (Architekten, Stadtplaner, Stadtforscher, Urbanisten, Geografen, Kunsthistoriker, Künstler, Gestalter, Kuratoren, Landschaftsarchitekten, Behörden, Kulturvermittler, kreative Klasse, Standortmarketing, Designwirtschaft, Politiker, Bürger).

Die Funktion des Kurators für Stadtkunst ist diejenige eines Dialogmeisters, der über das Phänomen Kunst zu all diesen Gruppen wie auch zu einer sozialen und medialen Öffentlichkeit in Beziehung tritt. Der erste effiziente Schub für Stadtkunst generiert sich aus diesem transdisziplinären Dialog, der widerständige Anstöße gibt, ergebnisoffene Prozesse initiiert sowie kritische Hintergründe und Denkstrukturen von Kunst aufzeigt.

Erschließungen des öffentlichen Raums durch Dialog

Der dialogische Kurator als vermittelnder Impulsgeber weicht vorhandene Fronten auf. Seine Rolle entspricht hier dem eines anstiftenden Entwicklers und Moderators. Er vernetzt die unterschiedlichen Individualitäten und Identitäten aller Beteiligten mit dem spezifischen Gehalt an Eigensinn von Kunst im öffentlichen Raum. Sein Ziel muss es sein, die (inter-)kulturelle Identität eines öffentlichen Lebensraums im Stadtbild sichtbar zu machen und mitzuprägen. Seine Maxime lautet: Kunst im öffentlichen Raum durch dialogisches Mit-Sein.

Kuratoren im Kontext Kunst im öffentlichen Raum sollten bei der Auswahl der Interventionen nicht auf das eine Werk als Autorität und großen Monolog setzen, sondern auf Autoren, die mit ihren Erschließungen des öffentlichen Raums auf den Dialog fokussiert sind, auf ein Miteinander statt ein Gegeneinander in ihren künstlerischen Positionen abstellen. Von dieser Produktionsgemeinschaft oder von dieser multiplen Autorschaft aus kann das Verständnis füreinander wachsen und neue, ungewohnte Einsichten und Erkenntnisse können den künstlerischen und kuratorischen Arbeitsprozess entscheidend anreichern. Die unterschiedlichen Meinungen und Vorstellungen sind gleichsam der vitale Rohstoff, mit dem die Künstler, Künstlerpaare, Künstlerkollektive und Kuratoren auf dieser Ideen-Allmende arbeiten. Das gelingt selbst dann, wenn die völlige Übereinstimmung nicht zustande kommt. Und es vollzieht sich nach einem ebenso einfachen wie aussichtsreichen Prinzip: Wenn ich die Welt mit deinen Augen sehe und du die Welt mit meinen Augen siehst, werden wir beide etwas erkennen, das wir alleine niemals hätten entdecken können.

Kunstforum International, Band 212 / 2011. Dieser Auszug erschien erstmals in der Zeitung ...bis das Chamäleon sichtbar wird anlässlich des Werkleitz Festivals .move forward.

… BIS DAS CHAMÄLEON SICHTBAR WIRD

Stella Geppert, 2012

Cultural Hacking/künstlerische Interventionen am Steintorareal von Elisabeth Decker, Kristina Sinn, Marie Grunwald, Nora Läkamp, Clare McCormack, Juan Luis Ortega, Luise von Rohden, Gregor Müller, Desiree Sander, Franziska Stübgen, Elisabeth Zunk, Benjamin Schief und Anne Schneider.

Als temporäre Zwischennutzer des ehemaligen Asia Lebensmittelladens waren wir Teil eines sozialen und räumlichen Gefüges, verschiedener urbaner Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Interessenslagen. Wir waren teilnehmende Beobachter, künstlerische Akteure und Kommunikationsjongleure zugleich.

Die Teilnahme an den bürgerbeteiligenden Diskussionen zu zukünftigen stadtplanerischen Vorhaben hat uns das Zusammenspiel städtischer Entwicklungs- und Entscheidungsprozesse aufgezeigt, einen umfassenden Einblick in die aktuelle »objektive« Nutzung und Planung des Platzes gegeben. In dem mehrdimensionalen Handlungsfeld wurden von uns konkret vor Ort Aktionsräume und Einschreibungen alltäglicher Handlungen erforscht. Mittels künstlerischer Interventionen haben wir uns soziale und kommunikative Räume öffentlichen Handelns und deren Grenzen am Steintor-Areal neu erschlossen – Raum produziert.

Hierbei gingen wir der Frage nach dem Widerständigen in der Kunstproduktion nach. Mittels der Methode des Cultural Hackings beschäftigten wir uns mit Orientierung und Desorientierung, dem Ineinandergreifen von Spiel und Ernst, der Zweckentfremdung und Umkodierung von Raumgefügen. Das Einklinken in Situationen und Geschehnisse hat Rollen „dialogischer Kunstformen“ ausgelotet, ihre Potentiale extrahiert, sichtbar und merklich unsichtbar.

Die künstlerischen Interventionen gingen auf die stark vom Verkehr reglementierten Verhaltensweisen der Benutzer und Benutzerinnen ein. Sie arbeiteten mit erlebten Erfahrungen, vorgefundenen Materialien und spürten Zwischenräume kreativer Raumaneignung und Entstehung auf. Sie wurden an der Schwelle der Sichtbarkeit initiiert, ihre Autorschaft blieb meist verdeckt, alltägliche Begebenheiten gingen eine Symbiose mit künstlerischen Gesten und Handlungen ein. Sie ließen Kritik an der Behandlung von öffentlichen Räumen aufkeimen und spiegelten inszenatorische Qualitäten des Umfeldes wider.

Die Arbeitsergebnisse wurden zum Rundgang der Burg Giebichenstein 2012 präsentiert und für das Werkleitz Festival .move forward dokumentarisch aufbereitet.

Stella Geppert ist Künstlerin und lehrt als Professorin für künstlerische Praxis an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle.

o.T. Mai 2012

von Luise von Rohden

Quer über den Platz ist eine Linie gezogen. Die weiße, etwa 10 cm breite Farbspur integriert sich in die Zeichensprache der Straßenmarkierungen und widersetzt sich dennoch deren Regeln. Die den Platz passierenden Menschen werden in ihren Bewegungen beeinflusst, gestört und gelenkt. Mit wiederholten Regengüssen verblasst die abwaschbare Farbe der Zeichnung. Die Präsenz der Linie auf dem Platz bleibt nur temporär.

Teppiche

von Elisabeth Decker

Über den ganzen Platz verstreut sind Kronkorken fest in den Boden getreten – teils bunt und neu, teils golden abgewetzt oder rostig. Viele Menschen trinken hier um den Brunnen am Steintor ihr Morgen- oder Feierabendbier – sie verweilen. Die Kronkorken sind die Relikte des Verweilens an diesem Ort – achtlos weggeworfen. Sind sie Müll und doch gleichzeitig Material für etwas Neues? Ich räume den Platz auf und ordne das hier Vorhandene um – füge kein Material, sondern nur eine Form hinzu. Drei Kronkorkenteppiche sind vor drei Bänken entstanden. Sie markieren diesen Raum, der irgendwie zwischen Öffentlichem und Privatem schwankt und vom Verweilen und den Handlungen der Menschen erzählt.

Steintor-Tribüne

von Stella Geppert in Zusammenarbeit mit den Studierenden

Ein Ladenraum wird in einen städtischen Ort verwandelt. Das Umfeld wird auf eine ungewohnte Weise sichtbar gemacht. Eine erhöhte Aussichtsplattform offen für alle wird geschaffen. Alles, was es braucht ist die Entfernung der Glasscheibe zur Welt.

Setz’ einen Punkt.

Mittelpunkterhebung am Steintorplatz 10. und 11. Juli 2012. von Elisabeth Zunk, Luise von Rohden, Kristina Sinn

Ein Ladenraum wird in einen städtischen Ort verwandelt. Das Umfeld wird auf eine ungewohnte Weise sichtbar gemacht. Eine erhöhte Aussichtsplattform offenAnlässlich der angedachten Umstrukturierung des Steintors sollte der Mittelpunkt des Platzes ausfindig gemacht werden. Gibt es am Steintorplatz einen gedachten / gefühlten Mittelpunkt für diejenigen, die diesen Ort nutzen, befahren, begehen, überqueren? Ein Mittelpunkt ist subjektiv, ist emotional, ist rational, intuitiv: eine Meinung. Die Befragung richtete sich an die Nutzer und Nutzerinnen des Steintorplatzes, die ihn lebendig machen. Bleibt der Mittelpunkt der Einzelnen ungesehen oder lässt sich ein »Mittelpunkt« festlegen? Jede Antwort konnte vom Befragten mit einem leuchtorangenen Punkt sichtbar gemacht werden, der an die besagte Stelle auf dem Platz geklebt wurde. Um möglichst viele verschiedene Wahrnehmungen zu erfassen, wurden 1500 Punkte verteilt. Die vielen, subjektiv gesetzten Markierungen ergaben ein Bild, das Tendenzen sichtbar macht und jene Orte betont, die als zentral empfunden werden.

Auszeit

von Benjamin Schief

Das Ladengeschäft am Steintor steht seit mehreren Jahren leer. Was einst als Auslagefläche eines Ladens diente, wurde zur kommerziellen Plakatwand umfunktioniert. Hinter der Werbefläche wurde eine Blackbox installiert, in der vier Strahler stehen. Über einen außen an der Ladenfront installierten Bewegungsmelder werden diese aktiviert. Passieren nachts Fußgänger das Schaufenster, wird dieses für fünf Sekunden von innen beleuchtet. Die zahlreich übereinander geklebten Plakatschichten werden vom Licht durchdrungen und ihre Überlagerung sichtbar. Werbung wird überblendet und verschwindet – es entsteht ein temporäres Bild, welches sich zwar der Ästhetik der Leuchtreklamen bedient, ihren Effekt aber umkehrt. Durch die Überblendung wird das Sichtbare unsichtbar und die Werbebotschaften verschwinden.

»Die Stadt (…) besteht nicht aus Mauern und Türmen, nicht aus Beton und Asphalt, sondern aus unsichtbaren Strukturen: aus Besitzverhältnissen, aus Bauvorschriften, aus Servituten, aus Mietzinsen, Hypothekenzinsen, Steuern, Vereinbarungen, Verboten und Geboten. Dieses ist die Stadt, die der Bürger ‘sieht’. (…) Was dann sichtbar wird an Gebäuden, ist nichts als der Abguss dieser unsichtbaren Bedingungen.«
Lucius Burckhardt – Soziologe, Nationalökonom, Promenadologe

Stadtbeobachtung

Die Spaziergangswissenschaft

Martin Schmitz, 2004

Heute Abend gibt es ein Fest und ihr bekommt alle euer Diplom. Morgen fangen wir dann an zu studieren. Mit diesen Worten begrüßte uns Lucius Burckhardt zu Beginn des Studiums im Fachbereich Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung in Kassel. Das war 1976. Seit drei Jahren lehrte er bereits als Professor für Sozioökonomie urbaner Systeme in einem reformierten Studiengang, der erstmals alle planenden Berufe unter einem Dach versammelte.
Lucius Burckhardt war ein Lehrer, der in einer Richtung forschte, die die Stadtplanung revolutionierte: Er war ein Vordenker der Urbanismuskritik. Erst später gab er seinem Fachgebiet einen Namen: Spaziergangswissenschaft, auch Promenadologie oder, wie er sie ins Englische übersetzte: Strollology.

Zu Beginn meines Studiums hatte Lucius Burckhardt bereits 30 Jahre geforscht. In den 1940er Jahren, nach einer kurzen Zeit als Medizinstudent, wechselte er in das Fach Nationalökonomie an der Basler Universität. Was er damals in seiner Heimatstadt in Form des „Grossbasler Korrektionsplans“ beobachtete, wertete er als zerstörerisch und unzureichend.
Zu dieser Zeit beschäftigte sich der Städtebau noch mit idealen Plätzen und Straßen, dem Neubau von Wohnsiedlungen und repräsentativen Gebäuden. Doch ein ganz anderes Problem wälzte sich bedrohlich auf die Städte zu: Die Automobilisierung der Gesellschaft.

Wissenschaft, Planung und Politik waren völlig unvorbereitet, als der Individualverkehr die Städte erreichte und nach baulichen Eingriffen in die bestehende Substanz verlangte. Hier beginnt die Forschung von Lucius Burckhardt. Seine Zeitungsartikel, Vorträge und Bücher lehrten bereits in den 1950er Jahren vom Planen und Bauen in der Demokratie.
Noch hilfloser als die Städte und Gemeinden waren die Bewohner, deren Häuser der neuen Erschließung städtischer Quartiere und einem autogerechten Umbau weichen mußten. Lucius Burckhardt stellte fest, dass schon wichtige politische Vorfragen von den Verantwortlichen nicht als solche erkannt wurden. Man dachte nicht an die Gesamtheit einer Stadt, sondern grenzte viele Bereiche aus, um das neue Verkehrsproblem mit Straßen und Brücken zu lösen. Das Auto ist nie ganz zu Ende erfunden worden, sagte er. Nachdem der Otto-Motor endlich lief, tauchten die nächsten Probleme auf: Die Luftverschmutzung, der Verkehrsstau, der Parkplatzbedarf und die Verödung der Innenstädte.

Als durch die Studentenbewegung von 1968 die Gesellschafts- und Planungskritik in das Bewußtsein der Öffentlichkeit rückte, hatte er bereits vieles formuliert. Früh war er gegen den Strom geschwommen und stieß bei seinen Kollegen auf Unverständnis. Lucius Burckhardt besaß das Talent einer außerordentlich scharfen Beobachtungsgabe und einen ganzheitlichen Blick. Er obduzierte die Pläne der Architekten und Stadtplaner, analysierte die Politik mit ihren vollmundigen Versprechen und sah, wie sich die Menschen später damit herumplagen mussten. Er konnte solche Zusammenhänge nicht nur schriftlich, sondern auch in Karikaturen, Aquarellen und Kunstaktionen darstellen. In der Kulturgeschichte spricht man vom Universalgelehrten oder genialen Dilettanten.
1955 verlässt Lucius Burckhardt promoviert zum Dr. phil. und frisch verheiratet mit seiner Frau Annemarie die Stadt Basel. Sie arbeitete von nun an mit ihm zusammen und war später täglich in der Hochschule präsent. In Dortmund trat er eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sozialforschungsstelle der Universität Münster an. Soziologie, eine noch junge Wissenschaft wurde hier nicht am Schreibtisch, sondern vor Ort praktiziert. Die Feldforschung führte in die Wohnungen des Ruhrgebiets. Wie wohnen die Leute und wie möchten sie einmal wohnen? Es galt Kriterien zu finden, die der Planung von Wohnsiedlungen und Stadtteilen an die Hand gegeben werden können.
Umgeben von Tütenlampen und Nierentischen reifte hier eine berühmte Burckhardt’sche Formel: Design ist unsichtbar. Das beste Design einer Straßenbahn wäre, wenn sie auch nachts fährt! Wir sind nicht nur von sichtbaren Gegenständen umgeben, sondern müssen den unsichtbaren Bereich, die soziale Dimension mitgestalten.

Durch die verschiedenen Stationen und beruflichen Positionen setzten sich Forschung und Lehre von Lucius Burckhardt wie ein Mosaik zusammen. Aufenthalte an der Hochschule für Gestaltung in Ulm und an der ETH Zürich zeigten früh seine besondere Pädagogik. Der Umgang mit den Studenten war freundschaftlich und hilfsbereit. Den Lehrstuhl in der Schweiz verwandelte er in ein Lehrcanapé. In Kassel gab es keine Sprechstunde oder anderen akademischen Klimbim: man verabredete sich an seinem Schreibtisch oder besuchte die Burckhardts während der Sommersemesterferien in der Nähe von Basel. Mit seinem unvergesslichen Humor erzählte er dann die Geschichte von einer Gruppe Berliner Urbanisten, die mitten in einem Stadtquartier von Kairo zwischen Kesselflickern, Teeverkäufern und lautem Stimmengewirr geforscht hatte und in ihrem Schlussbericht zu der absurden Erkenntnis gekommen war, dass hier das Gewerbe ausgesiedelt und ein Kommunikationszentrum gebaut werden müsse.

Bevor er nach Kassel ging, war er neben der Lehrtätigkeit zehn Jahre Redakteur der Zeitschrift Werk. Die veröffentlichte nun in den 1960er Jahren auf ihren Seiten die neue Generation von Architekten und Planern, die auf das einsetzende Umdenken und die Urbanismuskritik reagierte. Die Berichte waren engagiert, frisch und unkompliziert. Lucius Burckhardt formulierte historische und zeitgenössische Themen in einfachen und präzisen Worten. Akademische und theoretische Zusammenhänge übersetzte er stets in seine eigene Sprache.
Mit dem Vorsitz im Deutschen Werkbund begann 1977 eine interessante Folge von Tagungen und Veröffentlichungen. Mit Die Nacht und Der Schmutz wurden Themen ausgelotet, die auf den ersten Blick scheinbar nichts mit Architektur und Städtebau zu tun haben. Die Nacht ist menschgemacht und kein reines Naturphänomen mehr. Sie beginnt mit dem ausgedünnten Fahrplan der Busse und Bahnen, und die leeren Straßen der unbewohnten Innenstädte werden für Passanten zur Gefahr. Die Erkenntnis zum Thema Schmutz: Ein großer Teil der Umweltverschmutzung besteht aus unseren chemischen Reinigungsmitteln, die wir mit dem Schmutzwasser in die Kanalisation gießen. Der Kampf um die Hygiene mündet in einen gefährlichen Teufelskreis. Während wir die Oberflächen scheuern und polieren, läßt sich die Verunreinigung des Kühlwassers eines Atomreaktors allenfalls mit dem Geigerzähler messen.

Nach den großen historischen Auseinandersetzungen zur Gründungszeit des Deutschen Werkbundes Anfang des 20. Jahrhunderts über Massenproduktion versus Handwerk hielt nun die Ökologie Einzug und der Werkbund befand sich thematisch auf der Höhe der Zeit.
Seine Kritiker warfen Lucius Burckhardt immer wieder vor, dass er keine Pläne vorzeige oder Handlungsanweisungen gäbe, mit denen man sofort planen und bauen kann. Seine Studenten erlernten die Gleichwertigkeit von Bauen und Bauen verhindern, die Verantwortung, die ein Planer für die Folgen seiner Eingriffe trägt, und die historische und zeitgenössische Interpretation der eigenen Umwelt. Die Themen lauteten Denkmalpflege ist Sozialpolitik oder Der minimale Eingriff.
Die Bundesgartenschau in Kassel wurde 1981 zu einem weiteren Gegenstand heftigster Kritik. Die Gärtner bedampften die Karls-Aue unter großen Plastikbahnen mit einem hochwirksamen Gift, das bis in eine Tiefe von 70 cm in das Erdreich vordrang. Der Boden sollte für die Blumenpracht jungfräulich aufbereitet werden. Noch Jahre später stand die ehemalige Liegewiese vor der Orangerie regelmäßig unter Wasser. Das schwere Gerät der Pflanzer hatte die 200 Jahre alte Drainage aus Schilfrohr in filigranen Erdkanälen plattgedrückt. In der Kasseler Werkbundgruppe entstand die Publikation Durch Pflege zerstört.

Erst 1985 erschien ein umfassendes, längst vergriffenes Werk von Lucius Burckhardt mit seinen Aquarellen, Karikaturen und Texten: Die Kinder fressen ihre Revolution. Er hatte bereits gemerkt, dass sich die 68er Generation einrichtete und mittlerweile nicht nur ein, sondern zwei Autos vor der grasgedeckten Garage stehen hatte. Lucius Burckhardt hingegen tauchte auf einem Trümmergrundstück neben einem besetzten Haus in Kreuzberg auf. Während seines Vortrags über Landschaftsplanung warf Annemarie Burckhardt mit einem Diaprojektor Bilder an die Brandmauer, misstrauisch beobachtet von vorbeifahrenden Polizisten. Eingeladen hatte Galerie Eisenbahnstraße in einen ehemaligen Kohlenkeller.

Erst 1985 erschien ein umfassendes, längst vergriffenes Werk von Lucius Burckhardt mit seinen Aquarellen, Karikaturen und Texten: Die Kinder fressen ihre Revolution. Er hatte bereits gemerkt, dass sich die 68er Generation einrichtete und mittlerweile nicht nur ein, sondern zwei Autos vor der grasgedeckten Garage stehen hatte. Lucius Burckhardt hingegen tauchte auf einem Trümmergrundstück neben einem besetzten Haus in Kreuzberg auf. Während seines Vortrags über Landschaftsplanung warf Annemarie Burckhardt mit einem Diaprojektor Bilder an die Brandmauer, misstrauisch beobachtet von vorbeifahrenden Polizisten. Eingeladen hatte Galerie Eisenbahnstraße in einen ehemaligen Kohlenkeller.

Die gesamte Burckhardt’sche Forschung setzte sich schließlich in den 1980er Jahren zur Spaziergangswissenschaft zusammen. Wiederum sehr früh entwickelte er eine Vorstellung von Architektur und Urbanismus, vom Planen und Bauen in der Zeit der Globalisierung. Strollology greift auf die ursprünglichste Form der Weltwahrnehmung zurück: das Spazierengehen. Wenn ich wieder zuhause bin, setzen sich die Bilder in meinem Kopf zu einem Gesamteindruck zusammen.
Natürlich sehen wir nur das, was wir gelernt haben zu sehen.
Aber welche Bilder entstehen, wenn wir uns auf unserem Weltspaziergang mit dem Auto oder Flugzeug bewegen? Die Integration leisten finnische Saunalandschaften hinter chinesischen Torbögen. An unseren Urlaubszielen werden die folkloristischen und romantischen Bilder gebaut: Zypern ist wie Bergsteigen auf Sylt und in den Alpen stehen Hotels, die wie aufgepumpte Bauernhäuser aussehen. Ein globaler Regionalismus entsteht. Die Spaziergangswissenschaft macht diese Zusammenhänge sichtbar und möchte unsere Wahrnehmung korrigieren.
Bis zu seinem Tod im August 2003 hat er seine kritische Position niemals aufgegeben und ständig weiterentwickelt und aktualisiert. Diese Forschung wird zwischen den ökonomischen Interessen, der Politik und dem Wohl einer Gesamtbevölkerung unentbehrlich sein, wann immer geplant, gebaut, gestaltet und gewohnt wird. Und wie geht es weiter?
Die Spaziergangswissenschaft, ein Nebenfach – wie er sie bescheiden und schmunzelnd nannte – sollte in der Hochschule gelehrt werden. Der Zeitpunkt ist günstig, da eine neue Generation beginnt, sich kritisch mit Architektur, Planung und Politik auseinanderzusetzen.

Es sind die Menschen…

Das Festivalzentrum in der Großen Ulrichstraße 12

Manuel Nolle und Mirjam Schwab, 2017

„It’s the people who shape the cities, not the buildings.“ Bei diesem englischen Sprichwort rollen nicht nur Architekten mit den Augen. Auch der einen oder anderen Spaziergängerin erscheint das wenig plausibel – macht es für sie doch einen Unterschied, durch eine Plattenbausiedlung oder durch ein Gründerzeitviertel zu gehen.

Diesem Gedanken nachgehend, schlendert eine Spaziergängerin durch die Große Ulrichstraße in Halle an der Saale. Vor einem Gebäude, das bis neulich noch leer stand, bleibt sie stehen. War das nicht zuletzt das Secondhandgeschäft Re-Sales? Und hat es nicht Auswirkungen auf sie, wie sich dieses Haus mit der Nummer 12 ihr darstellt? – Mit seinem zurückgesetzten Eingangsbereich und seiner weiten Fensterfront. Mit seiner Geschichte.

Jetzt sieht es so aus, als würde wieder etwas Neues entstehen. Bauarbeiter werkeln und renovieren im Erdgeschoss. Plakate hängen in den Schaufenstern. Werkleitz Festival – Nicht mehr, Noch nicht steht darauf. Vielleicht geht sie einfach mal rein und schaut sich um.

Arbeiter errichten gerade ein Separee, dessen Wände aus alten Türen zusammengesetzt sind. Sie lässt ihren Blick durch den Raum wandern. Er wirkt viel größer, als sie ihn in Erinnerung hat, fast hallenartig. Die abgehangene Decke ist zu Teilen aufgebrochen und die Wände am hinteren Ende sind schwarz gestrichen.

„Dieser Raum war übrigens nicht immer so groß“, spricht sie einer der Arbeiter an. Er ergänzt, dass das Haus bereits 1749 erbaut wurde, dass es jedoch im Lauf der Zeit immer wieder umgestaltet und verändert wurde. So sei es zuerst ein Wohnhaus für Priester der französisch-reformierten Gemeinde gewesen. “Die hatten natürlich keine Empfangshalle hier”, scherzt er. Erst 1889 habe man zwei Grundstücke zusammengelegt, die Außenwände eingerissen und jene Säulen gesetzt. Ein Stockwerk höher sei die Raumaufteilung noch kleinteiliger und wenn sie Zeit habe, könne er sie kurz herumführen. Das Treppenhaus ist interessant. Der Architekt Bruno Föhre hab es gestaltet und heute sei es denkmalgeschützt, erfährt die neugierig Lauschende. Auch die grünen Handläufe habe Föhre entworfen. Die Spaziergängerin fährt mit der Hand über die abstrahierten Schmuckelemente und erkennt den Art Déco Stil der 1920er Jahre. Auch den Namen des Architekten hat sie schon einmal gehört – vor einigen Jahren in einem Radiobericht über das Kaufhaus Lewin am Marktplatz.

Sie erinnert sich, dass Föhre der Neuen Sachlichkeit zugewandt war und deswegen gerne vereinfachte dekorative Elemente nutzte. „Und das ist auch hier zu erkennen“, gibt der Arbeiter zurück. Er sagt, dass Föhre auch die Fassade umgestaltet habe. Aber die sei auch zuvor schon nach Anweisung des Möbelhändlers August Schmidt mit verschiedenen Ornamenten und einem Seitenrisalit verändert worden. Teile dieser Arbeiten habe Föhre dann wieder rückgängig gemacht. Weiterhin erfährt die Besucherin, dass Föhre sich um ein modernes Stadtbild bemühte. Die harmonische Gestaltung der Innenräume mit ruhigen Farben und schlichten Formen sei charakteristisch für ihn. Aber 1955 wurde erneut umgebaut, der Eingangsbereich zurückversetzt und die große Fensterfront eingebaut. Zu dieser Zeit war auch schon das Kaufhaus Zentrum hier untergebracht.

Die Spaziergängerin ist mittlerweile im ersten Stock angekommen. Es riecht staubig, alte Fernsehgeräte stapeln sich, Tauben gurren. Jetzt erst fallen ihr die verblassten Plakate von Stereoanlagen und Fernsehgeräten auf. “Stimmt, das Elektronik-Geschäft RFT war auch hier gewesen!” erinnert sie sich. Dort hatte es keine Regale mehr im Laden gegeben. Die Freiheit berichtete damals begeistert von der Innengestaltung und dass diese „den Rahmen sprengen“ würde. Das war wohl zur Eröffnung 1963 gewesen. Alle Geräte standen auf kleinen Rolltischen, um sie in die Vorführräume zu fahren. Alle diese Räume waren ausgestattet wie moderne Wohnzimmer, damit sich die Kunden besser vorstellen konnten wie der Fernseher daheim wirkt. Ab 1970 hatte es sogar die ersten Farbfernseher gegeben. Schon komisch, wie sehr ein einzelnes Gebäude immer wieder verändert wurde, denkt sich die Spaziergängerin.

„Leider muss ich nun zurück an die Arbeit,“ sagt der Herr. So tritt die Spaziergängerin wieder auf die Straße. Und während sie ihren Schal über die Schulter wirft, fragt sie sich, ob es vielleicht doch immer die Menschen sind, welche die Städte prägen. Nur manchmal eben, indem sie Häuser bauen, indem sie diese nutzen, verändern und ihnen damit eine Geschichte geben.

Geschöpfe des Zufalls

Der Audiowalk ist 2009 im Rahmen des Werkleitz Festivals .move entstanden. Er erkundet das Areal sowie seine Bedeutung für die Menschen, die dort leben, arbeiten und Zeit verbringen. Er wirft einen Blick hinter die Fassaden der Gebäude. Er verfolgt die unsichtbare Stadtgestalt anhand von sichtbaren Spuren, kleinen Beobachtungen und Erinnerungen. 2009 als Spaziergang durch die Straßen mit unsichtbaren Begleitern im Ohr konzipiert, ist er nun als virtueller Audiowalk wiederbelebt. Er ist ein Geschöpf der Assoziationen von Spaziergängern, ein Geschöpf des Zufalls.
Zufällig verbindet er das Zentrum des Werkleitz Festivals 2017 in der Großen Ulrichstraße 12 mit dem Rossplatz. Was 2009 einen Blick hinter die Fassaden der Stadt wagte, verknüpft heute Vergangenes mit Gegenwärtigem. Der Rossplatz ist nicht nur einer der drei Orte, die während der Workshops im Rahmen des Festivals 2017 von Studierenden verschiedener Hochschulen beobachtet, erforscht und kreativ erfasst werden. Der Weg zu ihm hat sich in der Zwischenzeit, insbesondere durch die Umgestaltung des Steintors, auch gewandelt. Manche Orte sind Nicht mehr. Der Nicht-Ort Rossplatz hingegen ist Noch nicht zu einem Ort geworden, an dem sich der Spaziergänger gerne aufhält. So verbindet der akustisch-virtuelle Spaziergang in die Vergangenheit das Jahr 2009 mit dem Jahr 2017, vergangenes Engagement mit gegenwärtigem und mit einer Andeutung der Zukunft.

Audiowalk von der Großen Ulrichstraße 12 zum Rossplatz von Ralph Wendt, 2009

Der Rossplatz

Von Nona Renner

Zentrum des Untersuchungsgebietes bildet der Rossplatz, ein dreieckiger, nach Norden leicht ansteigender Platz, der administrativ dem Stadtviertel Nördliche Innenstadt zugerechnet wird. Um den Platz führt im Süden die Berliner Straße und im Westen und Osten die mehrspurige Paracelsusstraße. Die heutige Form, Größe und Nutzung des Platzes sind die Ergebnisse verschiedener Transformationsprozesse.

Ursprünglich vor den Toren der Stadt gelegen und als Ausspannplatz für Pferdefuhrwerke genutzt, wurde der Rossplatz im Zuge der nördlichen Stadterweiterung in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts Teil des Gebietes der Stadt Halle/Saale. Im Bebauungsplan aus dem Jahr 1906 des westlich angrenzenden Paulusviertels umfasste der damals trapezförmige Platz mehr als das doppelte seiner heutigen Größe. Er erstreckte sich über die gesamte Länge der Friedhofsmauer, wurde durch den Zuweg zum Nordfriedhof geteilt und schloss das damals noch unbebaute Gebiet Im Winkel ein. Außer dem Wasserturm Nord (4) und der Turnhalle befand sich an der südwestlichen Spitze des Platzes auch das Straßenbahndepot der Stadtbahn Halle, welches 1889 in Betrieb genommen und 1928 wieder stillgelegt wurde.

Bilder aus dem Stadtarchiv Halle belegen, dass der Platz ab circa 1930 als Ort für Jahrmarkt und Zirkus fungierte. Die letzte Fotografie des Rossplatzes als zentraler Vergnügungsort stammt aus dem Jahr 1939. Nach Auskunft eines Mitgliedes der Halleschen Straßenbahnfreunde e. V. verkehrte nach dem Zweiten Weltkrieg eine Trümmerbahn zum Rossplatz. Zu dieser Zeit sei auch das Jahrmarkttreiben und Zirkusgeschehen an den Riebeckplatz verlagert worden, während am Rossplatz Wohnhäuser gebaut wurden. Zu DDR-Zeiten erfolgte die Umbenennung in Platz der Thälmann-Pioniere. Mit dem Bau der Hochstraße über die Berliner Straße in den 1960er Jahren erhielt der Rossplatz seine heutige Form und Größe.

Im Jahr 2012 begann mit der Errichtung eines Zirkuszeltes durch das Zentrum für Zirkus und bewegtes Lernen e. V. (ZzB) die Wiederbelebung des Rossplatzes. Seitens der Stadt bestand die Hoffnung, dass die Öffnung zur Aufwertung der näheren Umgebung beiträgt, wie etwa dem Viertel am Steintor und dem Medizinerviertel. Nachdem zunächst nur eine temporäre Nutzung des Geländes durch das ZzB vorgesehen war, strebt der Verein an (laut Geschäftsführer Jürgen Wiehl), ein festes Gebäude auf dem Rossplatz zu errichten und den Ort in Kooperation mit weiteren Vereinen zu einem kulturellen Zentrum zu entwickeln. Die Stahl-Holz-Konstruktion in Form eines Zirkuszeltes soll an der nördlichen Spitze des Rossplatzes stehen. Den jetzigen Standort des Zirkuszeltes möchte die Stadt zu einem Bolzplatz umgestalten. Das Stadtentwicklungskonzept der Stadt Halle/Saale (ISEK) sieht vor, den Platz als “grünes Scharnier” zwischen den verdichteten Gründerzeitquartieren Paulusviertel und Medizinerviertel zu entwickeln. Nach Auskunft von Wiehl wird der Rossplatz mittlerweile für verschiedene Freizeitaktivitäten genutzt.

Das westlich vom Rossplatz gelegene Paulusviertel zählt heute zu einem der attraktivsten Wohngegenden der Stadt. Es entstand ab den 1880er Jahren im Zuge der gründerzeitlichen Stadterweiterung aufgrund des enormen Bevölkerungszuwachses und sollte das neue, wirtschaftlich erstarkte Halle repräsentieren.

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Der Roßplatz Spaziergang

Carina Pesch, 2017

Gegenwart. Und schon wieder geht es von der Großen Ulrichstraße 12 zum Roßplatz. Es scheint ein unsichtbares Band zwischen diesen beiden Orten zu geben. Vermutlich liegt es daran, dass der Roßplatz als einziger Beobachtungsort fast noch in der Innenstadt liegt. Ein Katzensprung. Ich kenne ihn von der virtuellen Karte und von den Stimmen im Ohr. Ich kenne die Erinnerungen von Menschen, die ich nicht kenne, an Gebäude, die den Weg säumen.

Guido Großmann holt die Flaniergruppe am Festivalzentrum ab. Er sei in Halle geboren und er sei Architekt, stellt er sich vor. Halle schon 1.200 Jahre alt, mit einem Stadtkern aus dem Mittelalter, der gut erhalten ist. Selten sei das für eine Stadt dieser Größe in Deutschland. „Joa, gehn wir ma los“, sagt Guido Großmann.

Eine etwas fertige Frau schiebt einen Buggy vor sich her. Sie hat ihn mit pinkem Plüsch ausstaffiert und schiebt Teddybären spazieren. Am Eingang eines Ladens hebt sie ein angebissenes Brötchen auf. Die große Gruppe von Spaziergängern macht ihr Angst – mir auch ein bisschen, spaziert man nicht entspannter alleine? Sie weicht auf die andere Straßenseite aus. Doch da wechselt an der Großen Steinstraße auch die Gruppe die Straßenseite. Die Frau flüchtet erneut, murmelnd schimpft sie.

Die Große Steinstraße ist gesäumt von Geschäften. Ich erkenne Gebäude wieder, die ich nie gesehen habe und freue mich darüber. Ah, da das KKH. Doch ich mache auch meine eigenen Beobachtungen. Die Farbe Rot drängt sich in mein Bewusstsein. Sie säumt die Straße im Zickzack. Ein riesiger roter Apfel auf einer silberfarbenen Stehle zur Linken. Eine nackte rote Frauenfigur am Eingang eines Bekleidungsgeschäftes zur Rechten – ich erinnere mich nicht, ob es wirklich ein Bekleidungsgeschäft war, doch Schaufensterpuppe, es muss so sein. Sparkasse zur Rechten. „Gewerbefläche zu vermieten“ steht auf einem roten Schild im Schaufenster. Die vorbeifahrende Straßenbahn – rot. „Stadtbahn Halle. Wir sind für Sie da“ – das Kundencenter auf der Rechten – rot.

Dann der Marie-Curie-Platz. Guido Großmann und der spazierende Pulk bleiben stehen. Das, so sagt der Architekt, sei der erste Punkt außerhalb der Stadt gewesen im Mittelalter. Bis ins 19. Jahrhundert habe hier eines der Stadttore, das Steintor, gestanden. Heute habe sich der Name Steintor einfach ein paar Meter weiter getragen. An der nächsten großen Kreuzung nennt man den Platz Am Steintor. Merkwürdig so eine Stadt, wie sie sich verändert, so zufällig, so ohne Sinn. Wieso soll es jemals Sinn gehabt haben, ein nicht mehr vorhandenes Tor namentlich etwa 200 Meter weiter zu schieben?

Hier am Marie-Curie-Platz, mit dem Rücken zum alten Post- und Telegraphenamt – ein mächtiges repräsentatives Gebäude, das auch heute noch Post ist und seinen Briefkästen kleine Dächer gebaut hat – kann man mit Blick zur Oper die alte Stadtmauer erahnen. Heute ist sie eine Promenade. Hinter dieser Stadtmauer habe es früher nur noch Bauernhöfe, Bahnhöfe und Gasthöfe gegeben – Höfe, Höfe, Höfe. Die Versorgung der Stadt in den Vorstädten.

Das Steintor, heute also ein Stückchen weiter von der Stadt entfernt als im Mittelalter und eigentlich gar nicht mehr da, wurde vor ein paar Jahren verkehrstechnisch neu erschlossen und umgestaltet. Ein großer offener Platz mit viel Schienen und Straßen. Der graue Neubau mit der Steintor Passage sei damals heiß diskutiert worden, erinnert sich Großmann. „Naja, wir überlassen das mal der privaten Meinungsbildung,“ beendet er das Thema.

Mehr Begeisterung hat er für einen roten Klinkerbau übrig: Von Wilhelm Jost gebaut, nachdem dieser von Kassel nach Halle gekommen war. In den 1920er Jahren war in diesem Gebäude das Städtische Arbeitsamt. Heute kündet ein Schild über dem Eingangsbogen den „Steintorpalast“ an. „Zu Josts Zeit, so 1910,“ erklärt der Architekt von heute, „war das Amt des Stadtbaudirektors noch sehr interessant.“ Damals habe der noch die ganze städtische Verwaltung, die irgendetwas mit Bau zu tun hatte, unter sich gehabt. Von der Baupolizei zur Stadtentwicklung und den Stadtarchitekten. Damals hätte man im Städtebau noch etwas bewegen können. Heute gäbe es für jeden Teilbereich ein eigenes Amt und keiner könne mehr richtig agieren.

Ein Spaziergänger gibt zu bedenken, dass der Herr Direktor dann auch alles habe versauen können. „Ein guter König ist besser als eine schlechte Demokratie,“ ist die Antwort des Architekten.

Durch eine leicht heruntergekommene Straße mit Gründerzeithäusern nähern wir uns dem Beobachtungsort. Am Ende taucht rechts die Paracelsusbrücke auf, geradezu liegt der Rossplatz. Etwas Wiese, viel Straße. Der Architekt erklärt, dass dieser Platz erst sehr spät bebaut worden sei. In der Gründerzeit sei er zum Beispiel trotz großem Bevölkerungswachstum und akribischer Suche nach neuen Bauflächen nicht in Erwägung gezogen worden. Warum? – Schlechter Baugrund. Unterirdische Wasseradern machten den Ort aus ökonomischen Gründen unbebaubar. Dann kam die Schnellstraße und schneidet heute den Platz vom Rest der Stadt ab. Nur zum Paulusviertel gibt es keine gefühlte Grenze. „Ansonsten können wir festhalten: Es ist Samstagnachmittag und es ist nicht viel los,“ konstatiert der Architekt.

Vor der Schnellstraße, die über die Brücke führt, steht ein weißes Zirkuszelt. Nicht gerade idyllisch gelegen. Darin ist das Zentrum für Zirkus und bewegtes Lernen beheimatet. Der Klatschmohn – ein Zirkus für Kinder zum Mitmachen. Das einzige Lebenszeichen am Ort – wenn man den Verkehr nicht mit einrechnet. Doch der Zirkus hat immer wieder Schwierigkeiten durch die Bauverordnung. Ein Zelt ist darin nur ein temporäres Gebäude. Das darf eigentlich nur übergangsweise ein halbes Jahr genutzt werden. Links neben dem Zelt ein obskures Denkmal, ein Klotz aus Beton und Metall. Rechts neben dem Zelt kurz vor der Schnellstraße ein betonierter Platz. Skateboarder kommen manchmal hierher, aber die haben Winterpause. Ich nehme das Zelt automatisch als Zentrum des Platzes wahr.

„Also mir fällt das Wort Platz immer schwer beim Roßplatz,“ sagt Guido Großmann. „All das, was Städteplaner als Urbanität beschreiben, findet hier nicht statt.“ Ob Renaturierung vielleicht eine bessere Variante wäre, regt er an. Und irgendwie hat er recht. Nur der alte Wasserturm in seinem klinkergelb und seiner freundlichen runden Form thront über all dem, verleiht dem Ort dann doch etwas Königliches. Der Turmkönig blickt über einen Nicht-Ort zwischen Straße und Straße und Seniorenpflegeheim und Friedhof.

Unter der Paracelsusbrücke am Roßplatz (Aufnahme: Robert Nasarek)

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Driften zwischen Porosität und Nutzbarkeit

Erkundungen am Roßplatz

von Studierenden der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, unter der Leitung von Fabienne Hoelzel mit Saskia Niklas und Uli Cluss 2017

Der Roßplatz – ob seiner Lage in Nähe der Innenstadt eigentlich kein peripherer Ort – wird durch laute Straßen und stille Friedhöfe doch zur städtischen Peripherie. Von einem Kinderzirkus zum Seniorenpflegeheim, von einem jüdischen Friedhof zu einem christlichen, von einer Schnellstraße über die Brücke – schnell weg.
Die Workshopteilnehmer driften durch den Raum. Im Gebiet um den Rossplatz mit seinen Rändern erkundeten sie alleine oder in Gruppen den Ort. Sie absolvierten einen Parcours durch den öffentlichen Raum und erfuhren seine Porosität und Nutzbarkeit.

21 Kilometer 21 Personen

von Phillipp Stute und Natalie Brehmer 2017

Ziel des Dérives von Phillipp Stute und Natalie Brehmer durch Halle war es, eine psychogeographische Karte zu entwickeln, welche die Empfindungen der beiden und derer, die sie trafen, widerspiegelt. Dérive oder Drift ist eine Strategie von Guy Debord aus den 1950er Jahren. Es ist eine Methode, die aus experimentellem Verhalten Rückschlüsse auf die Bedingungen städtischer Gesellschaft zieht. Eine Technik des schnellen Vorüberziehens durch verschiedenes Ambiente, eine ungeplante Reise durch die meist städtische Landschaft. Die Teilnehmer lassen ihre alltäglichen Beziehungen hinter sich und lassen sich von den Attraktionen der Gegend und von Begegnungen leiten. Auf diese Weise wird vor allem die Psychogeographie des Stadtgebietes und die emotionale Orientierungslosigkeit erforscht.
Das Dérive von Stute und Brehmer dauerte 8 Stunden. Während dieser Zeit begegneten die Künstler 21 Menschen auf einer Strecke von 21 Kilometern. Teils begleiteten sie die Passanten ein kurzes Stück deren Weges, teils folgten sie den Wegen, die diese ihnen empfahlen, und befragten die Vorüberziehenden zum Roßplatz.
Im Mittelpunkt steht die Beziehung der Befragten zum Ort. Von jeder Begegnung sammelten die Künstler stichwortartig die Assoziationen zum Punkt der Zusammenkunft. Auf einer Karte kombinierten sie die Abschnitte des 21 Kilometer langen Weges mit den jeweils genannten Assoziationen in Schlüsselbegriffen. Dieses Arrangement meißelten sie in die Wand des Ausstellungsortes. Die Karte ist auf geometrische Formen reduziert. Bewusst sind die Schlüsselbegriffe nur durch rechteckige Flächen repräsentiert. So kann der Betrachter selbst entscheiden, wie er sich der Karte nähert. Es entsteht ein Spiel von nah und fern.

Dérive

von Manuela König und Jan Robert Obst 2017

Die Erkundung Dérive greift die Idee des flüchtigen, nicht greifbaren Moments der Situationistischen Internationale auf. Sie unternimmt eine psychogeographische Kartierung von Ton im Stadtraum. Eine audiovisuelle Grafik zeigt die subjektiv empfundene Raumwahrnehmung des erlebten Moments an Orten und macht diese Momente nacherlebbar.
Manuela König und Jan Robert Obst unternahmen einen Streifzug durch Halle, bei dem sie alle fünf Minuten einen Stopp einlegten. Sie machten jeweils an diesem willkürlichen Ort eine Tonaufnahme von 30 Sekunden. Die Aufnahme beschreibt das subjektive Raumempfinden zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort. Dieser Moment kann nicht wiederholt werden, lässt sich aber beispielhaft für diesen Ort zu jedem Zeitpunkt übertragen. Während des Umherschweifens zeichneten die Künstler ihren Weg per GPS auf und markierten an jedem Stopp mit einer Tonaufnahme ihren Standort. Um diesen Eindruck räumlich abzubilden, wurde passend zu jeder Aufnahme eine genordete Grafik skizziert, die die Bewegungsrichtung der tonerzeugenden Objekte kennzeichnet. Diese Grafiken zeigen auch die subjektiv empfundenen Entfernungen der Geräusche durch die Größe der Punkte sowie das subjektive Raumgefühl – ob kleiner, ob großer Raum – durch die Umkreisung des Aufnahmeortes im Mittelpunkt. Insgesamt entstanden je 38 Audioaufnahmen und Grafiken.
In einer Grafik übereinandergelegt stellen sie eine komprimierte Form von Ton im Raum und in der Zeit dar, welches eine Momentaufnahme des gesamten Weges repräsentiert.

Trotha

Von Mirjam Schwab

Trotha liegt im Norden von Halle, etwa 4 km vom Stadtzentrum entfernt; seine Gesamtfläche beträgt 141,1 Hektar. Die Geschwister-Scholl-Straße markiert die südliche Grenze des Stadtteils, die nördliche Grenze bildet das Industriegebiet Nord. Im Westen findet Trotha durch den Flusslauf der Saale seine natürliche Grenze, im Osten bilden die Gleise der Bahn den Abschluss des Stadtteils.

Trotha lässt sich unterteilen in den zur Saale hin orientierten, noch an die Ursprünge als Fischerdorf erinnernden alten Ortskern mit dem alten Kaffeegarten und der romanischen Kirche St. Briccius, sowie der in den Jahren zwischen 1960 und 1985 entstandenen Wohnstadt Nord (8) auf der östlichen Seite der Trothaer Straße. Stark befahren dient sie als Durchgangsstraße für den Pendlerverkehr. Nahe der Endhaltestelle der Straßenbahn befinden sich drei Punkthochhäuser, die als Senioren-Wohnanlagen genutzt werden. Den ältesten Teil Trothas bilden der Plan, die Saalestraße und die Götsche Straße. Die den Siedlungskern Trothas prägende Landschaft ist charakterisiert durch die Flussenge zwischen den Höhen der Klausberge (1) und dem Kröllwitzer Hügel, sowie der anschließenden Ausweitung des Saaletals auf Höhe des Forstwerders .

Der Entstehungszeitraum Trothas geht auf die späte Bronzezeit (800 v. Chr.) bis in die frühe Eisenzeit (600 v. Chr.) zurück. So lassen sich sehr frühe Siedlungsstrukturen finden. Östlich der Hauptsiedlung entstand eine Heerstraße, die heutige Trothaer Straße. Die beiden Flüsse Elbe und die Saale fungierten als Grenzflüsse, zwischen den Slawen und dem Fränkischen Reich. Die gute Lage an der Saale führte zum Bau einer slawischen Burg, die zunächst als Grenzsicherung genutzt wurde.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Trotha im Jahr 952 unter dem Namen „tarata”. Die Herkunft des Namens „Trotha” kommt nach Schultze-Galléra aus dem Keltischen. Das kletische Wort „Tara” bedeutet „eilig, schnell” und „tharaugt” lässt sich mit „Durchbruch” übersetzen.

Sehr früh wurde die Saale als Transportweg genutzt. Die Teilung der Saale in mehrere Arme ermöglichte – schon vor der Nutzung von Brücken – die Überwindung durch Furten. Bei Kröllwitz entstand schließlich ein Wehr. Um das Jahr 1100 wurde die Wassermühle und um 1366 die erste Holzschleuse gebaut. Die Saaleschifffahrt entwickelte sich weiter und noch heute kann man in den Klausbergen den ehemaligen Treidelpfad begehen, der im 17. Jahrhundert angelegt wurde, um die Schiffe flussaufwärts zu ziehen.

Seit dem Jahr 1050 war Trotha im Besitz derer von Trotha, die mit der Burg zu Trotha belehnt worden waren. Im Jahr 1455 verließen die Herren von Trotha ihren Stammsitz. So kam Trotha kurz darauf in den Besitz des Halleschen Klosters Neuwerk und wurde zum Klosterdorf.

Das Industriewesen der Stadt Halle soll bereits vor dem 19. Jahrhundert augenfällig gewesen sein. Trotha fungierte frühzeitig als Industriestandort. So war nach Neuß 1830 „die Braunkohle als solche bereits 100 Jahre bekannt und mindestens seit 1760 praktisch verwertet worden”.

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Der Trotha Spaziergang

Carina Pesch, 2017

Herbsttag. Es riecht nach Laub, die Luft ist klamm. Immer die Saale entlang. Dort, wo es richtig ländlich aussieht, wo der Fluss laut rauscht, neben einem verfallenen Backsteingemäuer, daran ein Schild, das Lofts ankündet, gerade noch vor der Bogenbrücke, die nach den 20er Jahren aussieht – dort, zur rechten, beginnt Trotha.

Ruderclub links, alte Kirche rechts. St. Briccius. Spätromanisches Gemäuer. Eine kleine Kirche, die etwas zurückgesetzt am Hang liegt und auf einer alten slawischen Kultstätte errichtet worden sein soll. Genau dorthin kommt Matthias J. Maurer für eine kleine Stadtführung. Er ist Historiker und in Trotha aufgewachsen. In dieser Kirche wurde er getauft, berichtet er stolz. Er fühlt sich Trotha verbunden, auch wenn er längst nicht mehr hier wohnt. Er sieht aus wie Sherlock Holmes – Tweed Kappe, Trenchcoat, Krawattenschal mit Ornamenten, alles in gedeckten Farben. Begeisterung zeichnet sich auf seinen Wangen ab. In den 90er Jahren hat er an seinem ersten Buch gearbeitet – natürlich zu Trotha. Es sei dann allerdings erst als sein zweites Buch veröffentlicht worden. Er lacht.

Und schon erzählt er, dass er Hobbyarchäologe sei. Mit einem Kollegen klopfte er an einem goldenen Herbsttag an die Türen des Nordbads. Dort würden viele buddeln gehen, denn das Nordbad sei das erste Zentrum von Trotha gewesen – damals vor tausenden von Jahren. Ob man denn wisse, dass der größte Freund des Archäologen der Maulwurf sei? Nach der Freude über die erstaunten Blicke und einer kurzen Erklärung, dass der Maulwurf oft die Buddelei für einen erledige und tief Vergrabenes der Geschichte in seinen Hügeln lagere, berichtet Sherlock Maurer, dass auch er an jenem Herbsttag im Maulwurfshügel fündig wurde. Tonscherben. Über 3.000 Jahre alt. Der Besitzer des Bootshauses am Nordbad habe ungläubig abgewunken und gesagt, er solle seine Scherben ruhig mitnehmen. Hat er natürlich gemacht. Später bestätigte ihm ein Museum das Alter der Scherben – Scherben vom ersten Zentrum in Trotha.

Ein Stück zurück, hinter dem Ruderclub, steht die nächste Sehenswürdigkeit. Ein leerstehendes Haus, ein Gutshaus, erbaut 1695, von Friedrich Madeweis. Heute wölbt sich das Dach vor Alter. Über der Eingangstür steht „Gott beschütze dieses Haus“. Bisher habe er es wohl beschützt, sagt Herr Maurer. Doch wie lange noch, das sei wirklich die Frage. Fensterscheiben fehlen, braune Gardinen mit weißen Blümchen wehen heraus, schwer geworden vom Regen, Efeu berankt die Fassade.

Haus und Grundstück habe ein privater Investor gekauft. Doch durch den Denkmalschutz sei die Sanierung zu teuer, mutmaßt Maurer. Dabei wäre das Gelände dringend schützenswert. Schließlich sei es auf den Grundmauern der Trothaer Burg errichtet. Herr Maurer hat den Burgwall selber ausgebuddelt. Er habe ihn entdeckt – auch wenn er dafür unerlaubterweise den Grund eines anderen betreten musste. Heute sei er Jurist und würde so etwas nicht mehr machen. Aber es gehe doch nichts über den Erhalt von Historischem und vorher habe eh niemand etwas vom Wall gewusst.

Im 19. Jahrhundert war dann der Kaffeegarten mit Tanzsaal hier zu finden, das Zentrum des kulturellen Lebens. Ja, ein kulturelles Zentrum, das würde heute in Trotha wohl fehlen. Der Hobbyarchäologe gibt jedoch zu bedenken, dass für die heutigen Bewohner Trothas ein Tanzsaal in so großer Entfernung zum Wohnort nicht optimal sei. Denn die meisten würden heute in den Neu- und Plattenbauten wohnen und seien Senioren. Treffpunkte würden dringend fehlen – wenn auch nicht mehr unbedingt zum Tanzen.

Weiter geht es am Denkmalplatz vorbei, die Trothaer Straße entlang. Die Panzer der Roten Armee seien hier früher entlang gerollt, gestunken habe das. Heute rauscht der Verkehr – keine Panzer mehr aber Autos und Straßenbahn. Zur Wende hätten die Leute die Anbindung an die A14 herbeigesehnt, die Anbindung an das moderne Leben, berichtet Maurer. Heute geht es vielen um verkehrsberuhigte Zonen.

Ruhiger geht es links der Hauptstraße in der Saalestraße zu. Zusammen mit der Götschestraße bildet sie eine U-Form – laut dem ortskundigen Herrn Maurer ein Anzeichen für slawische Siedlungsstruktur. Dies war das zweite Zentrum von Trotha zur Zeit der Slawen. Dort steht heute noch an der Seitenwand eines alten Dreiseitenhofes „Hermann Bernstein Speise-Pflanzkartoffeln“. Ehemals Saalestörche genannt, wohnt und arbeitet heute die Ateliergemeinschaft kunstrichtungtrotha hier. In der ganzen Stadt ist sie für ihre Adventsmärkte bekannt. Das ganze Jahr über verkaufen sie Brot und Töpferware. Matthias Stolle führt das Erbe des alten Pflanzhofes mit Wildpflanzsamengut weiter.

Da, wo das slawische U sich biegt, befindet sich ein Hundepflegestudio. Ein Mann mit gut frisiertem Westlandterrier steht davor. Er schaut mit ähnlich hängender Miene drein wie der Bluthund auf dem Namensschild des Studios. Hundepflegestudio Favorit steht dort in großen Lettern. Die jungen Teilnehmer der Exkursion zücken die Kameras. Irgendetwas hat dieser Ort. Zumindest hat er Charakter – Zerfall, Bürgerlichkeit, Einsamkeit, etwas Trostloses. Der Mann und sein Westlandterrier starren verwundert, begreifen nicht, wieso die jungen Fremden fotografieren.

Das U führt zurück auf die Hauptstraße. An der nächsten Ecke eine weitere Archälogen-Anekdote: Unser Sherlock hörte von der Luisenbank – eine Sandsteinbank, auf der Königin Luise einmal saß. Man munkelte sie stünde im alten Volksbad, im Saalebad. Also klingelte Herr Maurer und wollte einmal gucken. Tatsächlich fand er die Bank im Garten. Im Gebüsch fand er auch den Torso einer Frauenfigur, den Kopf aus Sandstein ein Stückchen weiter. Der Hausbesitzer sagte, er könne die kaputte Königin aus Sandstein ruhig mitnehmen. Herr Maurer wiegelte vorerst ab, er könne sich die Königin schlecht unter den Arm klemmen. Er versprach aber sie mit Handwagen abzuholen. „Jetzt muss ich meinen Kindern nur noch sagen, wer das ist, damit sie die Luise nicht wegwerfen, wenn ich nicht mehr bin“, scherzt der Hobbyarchäologe.

Durch das alte Unterdorf spaziert die Trothaführung in die Wohnstadt Nord. „Wir müssen Häuser doch nicht verurteilen, nur weil es Platte ist“ führt Herr Maurer gut gelaunt ins Viertel ein. Er spricht von Vollvermietung, altersgerechtem Wohnen, lichter Bauweise mit viel Grün und wie effizient die Siedlung schon damals gebaut wurde. Eigens für die Zeit des Siedlungsbaus habe man ein Plattenwerk ums Eck errichtet, damit die Wege kurz waren. Nach Vollendung des Baus wurde das Werk dann wieder abgerissen.

Die Straßen heißen nach Planeten und Himmelsforschern. Manche haben ihre Fensterbretter üppig dekoriert und bepflanzt, andere sind kahl. An der Ecke Mötzlicher/Seebenerstraße bleibt Herr Maurer stehen: „Hier sehen wir es noch einmal ganz deutlich wie verschiedene Zeiten und Baustile sich gegenüber stehen.“ An einer Ecke Gründerzeit, gegenüber Bauten aus den 1930er Jahren, an der nächsten Ecke Plattenbau aus den 60ern und gegenüber Häuser aus den 50ern. Nur die Kopernikusstraße fällt mit ihren Einfamilienhäusern, den sogenannten Schollehäuschen raus. Eine Anwohnerin meint, die Straße falle auch anderweitig auf und nicht nur baulich. Zu Halloween gäbe es hier zum Beispiel die verrücktesten Dekorationen mit Nebelmaschine. Da würde ein Besuch immer lohnen.

Fazit Trotha. Laut und trostlos am Naturschutzgebiet. Eher etwas für altersgerechtes Wohnen. Idylle ist, wo man in der Vergangenheit buddelt.

Trotha belauschen

eine Sendung von Radio CORAX, 2017

Robert Nasarek macht einen akustischen Spaziergang durch den Stadtteil Trotha im Norden Halles. Mit den Künstlerinnen Claudia Klinkert und Suse Kaluza von der Ateliergemeinschaft kunstrichtungtrotha beschreiben wir Trotha währenddessen aus der Ferne, aus unserem Studio im Festivalzentrum auf der Großen Ulrichstraße 12 in Halles Innenstadt: das Saaleufer und den alten Dorfkern Trothas. Ausschnitt aus einer einstündigen Live-Sendung mit Elisabeth Ernst und Helen Hahmann von Radio CORAX.

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Das Beobachten beobachten

Der Workshop zu Trotha

von der Klasse Digitale Grafik an der HFBK Hamburg und Studierenden der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, unter der Leitung von Prof. Christoph Knoth, Prof. Konrad Renner und Prof. Matthias Görlich 2017

Der Stadtteil Trotha zeigt sich heute als städtebauliche Collage. Von einem dörflichen Kern zu einem alten Neubaugebiet, von einem Hafen ohne Schiffe hin zu einer peripheren Gewerbelandschaft aus Wellblech-Konstruktionen. Die 6.960 Einwohner finden dort unter anderem elf Supermärkte, drei Tankstellen, zwei Schulen und mehrere Tattoo-Studios. Trotha – ein Tor zur Stadt und wichtiger Knotenpunkt für die umliegenden Dörfer.
Die Workshop-Teilnehmer beobachteten Trotha, ihr eigenes Beobachten und das Beobachten im allgemeinen. Mit Methoden des subjektiven Kartierens, mit Perspektiv- und Maßstabswechseln, Oral History und digitalen Aufnahme- und Darstellungstechniken.

Am Südpark

Von Nona Renner

Die Wohnstadt wurde für Chemiearbeiter in verkehrsgünstiger Lage zu den wichtigsten Großbetrieben errichtet. Die Arbeiter der Werke Buna und Leuna, die im ganzen Bezirk Halle verstreut wohnten, sollten zentral unter besseren Wohnbedingungen untergebracht werden. In den Jahren 1959/1960 wurden verschiedene Standorte auf ihre Eignung hin untersucht. Im zunächst als Wohnbezirk Halle-West bezeichneten Gebiet zwischen der Saale, den Ortslagen Passendorf und Nietleben sowie der Dölauer Heide sollten – so die Grundidee – 20.000 Wohneinheiten in fünf Wohnkomplexen entstehen, welche sich ringförmig um ein Wohnbezirkszentrum anordnen.

Noch vor der Grundsteinlegung am 15. Juli 1964 änderten sich jedoch die Pläne und so sollten bis zum Jahr 1973 nun 22.000 Wohneinheiten für 70.000 EinwohnerInnen in vier Wohnkomplexen gebaut werden. Mit jeweils eigenen, fußläufig erreichbaren Wohnkomplexzentren der Bereiche Versorgung, Bildung und Erholung sollten sich die Wohnkomplexe beiderseits der Ost-West-Magistrale anlagern. Am zentralen Platz war ein Stadtzentrum vorgesehen, welches sich in ein Bildungszentrum, ein politisch-kulturelles Zentrum und ein Einkaufs- und Versorgungszentrum gliederte.

Zum Chefarchitekten wurde im Jahr 1963 Richard Paulick berufen, der die ursprünglichen Pläne dann jedoch nur teilweise umsetzte. Die unterschiedliche Bebauung der Wohnkomplexe 1 bis 4 kann als eine “Demonstration des jeweiligen technischen Standards und der Gestaltungsmöglichkeiten des industriellen Wohnungsbaus” verstanden werden. Von der Zeilenbauweise über Eckverbindungen bis hin zur mäanderförmigen Anordnung der Wohnblöcke, welche teilweise durch Scheiben-, Punkt - und Y-Hochhäuser durchbrochen wird, ist alles vorhanden.

Im Jahr 1967 entstand aus dem Wohnbezirk Halle-West die kreisfreie und eigenständige Stadt Halle-Neustadt. Anett Niehoff nennt in ihrer Diplomarbeit nicht näher ausgeführte politische und finanzielle Gründe als Ursache und auch Wera Pretzsch deutet in ihrer Qualifizierungsarbeit nur an, dass das Prestigestreben der Staats- und Parteiführung eine Rolle gespielt haben könnte. Für die politische Führung erschien es angemessen, eine eigenständige sozialistische Stadt zu erschaffen und nicht lediglich einen Stadtbezirk zu entwickeln. Schließlich sollte sie die “besten Bedingungen zur Entwicklung des sozialistischen Gemeinschaftslebens, der kulturellen Betätigung, der Versorgung, des Wohnens, des Sports und der Erholung” bereithalten. Im Mai 1990 wurde die Stadt Halle-Neustadt nach einem Bürgerentscheid allerdings wieder in die Stadt Halle/Saale eingemeindet. Der Bebauungsplan aus dem Jahr 1968 weist umfangreiche Reserveflächen westlich und östlich der geplanten Bebauung auf. Bis zum Ende der Bautätigkeit im Jahr 1986 wurden acht Wohnkomplexe und ein Wohngebiet realisiert. Im Jahr 1988 zählte die Stadt 93.000 EinwohnerInnen und war damit die größte Stadtneugründung der DDR.

Nach der Wende jedoch verlor Halle-Neustadt einen Großteil seiner Bevölkerung wieder. Die Generation der Erstbezieher blieb zwar häufig dort wohnen, viele Nachkommen jedoch verließen den Stadtteil. Im Jahr 2001 wohnten in Neustadt rund 58.000 EinwohnerInnen und die drei Stadtviertel Nördliche, Südliche und Westliche Neustadt wiesen einen Wohnungsleerstand zwischen 16 % und annähernd 22 % auf. Die Stadt Halle/Saale reagierte auf diese Veränderungen mit einer Stadtteilentwicklungskonzeption, welche langfristig einen flächenhaften Gebäuderückbau vor allem in den zuletzt fertiggestellten Wohnkomplexen 5 und 6 sowie dem Wohngebiet Am Südpark vorsah. Das Integrierte Stadtentwicklungskonzept (ISEK) für das Stadtumbaugebiet Neustadt aus dem Jahr 2007 definiert hingegen lediglich die ursprünglich geplanten Wohnkomplexe 1 bis 4 als Erhaltungsgebiete. Mit Ausnahme eines kleinen Teils von Wohnkomplex 5 werden alle weiteren Gebiete in Halle-Neustadt als “Umstrukturierungsgebiete mit vorrangiger beziehungsweise ohne vorrangige Priorität” ausgewiesen. Ein flächendeckender Rückbau hat allerdings bis heute nicht stattgefunden und bis zum 31. März 2017 lebten noch 46.073 Personen hier.

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Der Südpark Spaziergang

Carina Pesch, 2017

Zehn Uhr in der Früh ist es. Der Himmel hängt milchig grau über dem Zentrum des Zweiten Wohnkomplexes in Halle-Neustadt. Er wurde 1966 bis 1970 gebaut, die Platten sind meist in Reihen angeordnet. Dort Am Treff 3 – einem flach bebauten Einschub zwischen den hohen Häusern – beginnt die Erkundung des Südparks. Hier hat die Südpark Siedlung noch nicht begonnen. Wir befinden uns kurz vor der Grenze zum Viertel, das 1982 bis 1986 als letztes gebaut und nicht mehr Wohnkomplex mit irgendeiner Nummer heißt.

Thema des Spaziergangs: Grenzen und Brüche. Die beiden Stadtführerinnen von der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, Maike Fraas und Johanna Padge haben diesen Startpunkt gewählt, weil er die äußerste Grenze des Gebietes markiert, das im täglichen Leben der Grundschüler im Südpark eine Rolle spielt. In Stadtgestaltungsprojekten mit den Kindern des Viertels haben sie das herausgefunden.

Der erste Bruch mit den Planungen der Planer, die sich die modernen Zentren der Plattenbauviertel als belebte Orte ausmalten: Am Treff herrscht Tristess und tote Hose. Ein orientalischer Supermarkt, ein Barbier, eine ramschige Kneipe, Apotheken – Grundversorgung klappt, Leben sieht anders aus. Die flachen Gebäude sind heruntergekommen und stehen größtenteils leer.

Wesentlich belebter geht es ein paar Schritte weiter zu. Die Kulturwerkstatt Grüne Villa hat sich in einem kleinen grünen Flachbau gegenüber des Spielplatzes Drachennest einquartiert. Diese beiden Orte sind auch der Grund dafür, dass sich die Grundschüler aus dem Südpark manchmal hier aufhalten. Die Theaterpädagogin Katrin Wolf berichtet, dass vor der Villa ein Lager des orientalischen Supermarktes hier war und noch davor ein Fotostudio. Der Glasaufbau über dem Eingangsbereich zeigt noch Spuren von der Geschichte des Gebäudes. „Fotopuzzle von eigenen Bildern“, „Bildschöne Farbbilder“, „einfach vorBILDlich“ kann der Besucher dort auf verblassten Stickern lesen.

Seit 2015 etabliert die Grüne Villa hier einen offenen Treffpunkt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. „Ausgebaut haben wir alles im Eigenbau“, sagt Katrin Wolf. „Und so bauen wir noch heute.“ Aber immerhin, es gibt ein bisschen urbanes Gärtnern und drinnen eine kleine Bühne mit Platz für 50 Zuschauer. Wichtig ist der Kulturwerkstatt, wirklich für die Menschen da zu sein, mit ihnen zusammen Projekte zu entwickeln und Raum für ihre eigenen Vorstellungen zu geben. „Wir wollen ein Dach der Ideen sein“, umschreibt das die Theaterpädagogin.

Am schnellsten seien am Anfang die Kinder und Jugendlichen mit dabei gewesen. „Die haben gar nicht erst gefragt, was wir hier machen, sondern haben sofort mit angepackt,“ sagt Wolf. Vor allem Menschen, die noch nicht so lange in Deutschland und Halle-Neustadt leben, nutzen die Angebote der Villa. So gibt es einen Kochtreff für Frauen und Mädchen aus sieben verschiedenen Ländern, Tanztreffs für Jugendliche und viele interkulturelle Feiern. Die Alteingesessenen zu erreichen, sei hingegen weitaus schwieriger, berichtet ein Mitarbeiter. Dennoch ist sich Wolf sicher, dass das Zentrum Am Treff nicht, wie geplant, einen neuen Edeka braucht, sondern Treff- und Tanzorte.

Die Gruppe aus Spaziergängern zieht weiter. Zwischen zwei Schulen hindurch. Grünfläche. An einer Hütte mit roter Kuppel vorbei – darin befindet sich das Restaurant Kreta. Der Weg knickt an der Rückwand eines alten Gutshauses ab. Wieder so eine Grenze. Dahinter beginnt Passendorf. Auf einem Schild am Zaun steht „Privatgrundstück. Betreten auf eigene Gefahr.“ Passendorf ist das Überbleibsel längst vergangener Zeiten, umzingelt von Plattenbauten und kleinen Eigentumshäusern aus den 1990er Jahren. An einem dieser Häuschen kündet eine Leuchtreklame Sauna und Wellness im Vitalis Tempel an. Links liegt das Passendorfer Schloss im hohen Grün und die evangelische Kirchengemeinde mit ihrem 1505 erbauten Gotteshaus. Dort beteuert die Pfarrerin, dass es in Neustadt noch ein Miteinander von bürgerlichen und prekären Verhältnissen gäbe. Geradezu beginnt dann die Plattenbebauung des Südparks. Der Südpark als jüngster Teil von Neustadt wächst durch den Zuzug von Migranten am stärksten. Seine Gebäude sind größtenteils privatisiert, was es der Stadt schwer macht, sich planerisch und gestaltend einzubringen.

Zu Fuß können sich Mensch und Tier gut durch den Südpark schlagen. Durch halböffentliche Wohnhöfe, die über Treppen, trichterförmige Durchgänge und Lücken in der Bebauung zugänglich sind, geht es schnell voran. Manche Höfe stehen leer, in anderen hängt Wäsche. Überall ist viel Platz zwischen den Häusern. Die Neustädter schlendern ganz selbstverständlich hindurch, führen ihre Hunde Gassi. Die Besucher haben ein bisschen Hemmung hier zu schlendern, blicken sie doch an dem einen oder anderen Durchgang geradewegs durch das offene Fenster ins Aquarium im Wohnzimmer. Hier wurde auf familiäre Nähe gebaut. Doch manche Wohnungsbaugesellschaft beginnt die Höfe mit Zäunen abzuschirmen – Privat! Das schränkt die Bewegung ein, macht Umwege nötig. Andere ziehen kleine Mauern als optische Erinnerung, dass der Raum hier nicht so ganz öffentlich ist. Wie will man umgehen mit den Grenzen zwischen privat und öffentlich?

Würden die Wohnhöfe alle geschlossen, ginge es den Fußgängern wie dem motorisierten Verkehr. Die Straßenbahn fährt nur auf der Magistrale, von dort fahren Busse in die Viertel. Mit dem Auto ist meistens irgendwo Schluss. Viele Straßen enden in Sackgassen. Manchmal grenzt ein Parkplatz an den nächsten – zu Fuß nur einen Schritt voneinander entfernt, doch das Auto muss eine große Runde fahren. Dafür gibt es wenig Verkehr im Viertel. Es ist ruhig.

Zwei Parkplätze grenzen auch vor der Salzmann Schule aneinander. Hier haben Fraas und Padge mit den Grundschülern gemeinsam überlegt, wie man die große Fläche besser nutzen könnte. Sie haben Buden gebaut, Tische und Bänke, haben das Viertel mit den Augen der Kinder gesehen. Und genau das machen wir jetzt auch. Vier Schüler aus der vierten Klasse werden zu Stadtführern – Leonie und Leony, Coline und Danel. Coline will auf jeden Fall aufs Gymnasium, Danel spielt gern Fußball, Leonie und Leony sind begeisterte Turnerinnen. Alle sind sie gut im Bäume klettern.

Sie zeigen die besten Kletterbäume, die kleinen Lädchen in privaten Wohnungen, die man nicht sieht, wenn man sie nicht kennt. Eine Frau hat einen Nachbarschaftstreff in ihrer Wohnung. „Da kann man so hingehen und spielen und dann bekommt man auch ein Bonbon“, erklärt Coline. Die Frau wohne da einfach und möge halt Kinder. Ein Schild mit bunten Buchstaben im Fenster weist auf ihr Engagement hin.

Wir stromern durch Wohnhöfe. In manchen grenzen leerstehende an bewohnte Plattenbauten. Und dann kommt doch eine Straße – komplett gesäumt von leeren Häusern mit zersprungenen Scheiben. Das kräftige Gelb und Grün der belebten Häuser mit ihren Satellitenschüsseln weicht düsterem Braun und Grau. Auf Nachfrage gibt Danel zu, dass er hier nicht so gerne lang gehe. Zu laut kracht manchmal der Wind in den kaputten Fenstern. „Ein bisschen unheimlich ist das schon,“ stimmt auch Coline zu.

Wie jeder gute Spaziergang endet auch dieser mit dem Einkehren. Im Café Nassip. In einem großen kahlen Raum mit üppig ausgestatteter und verspiegelter Bar, braunen Vorhängen und Goldbrokat, mit russischer Fernsehserie auf großem Flachbildschirm und Plastik über glänzenden Festtagstischdecken gibt es selbstgemachte Pelmeni. Die Kinder klettern draußen auf Bäume, bekommen nach dem Essen das versprochene Kratzeis und die Besucher sagen noch beim Essen: „Eigentlich ganz normale Kinder, ein ganz normales Wohnviertel. Auch wenn doch das eine oder andere Neustadtklischee entdeckt wurde.“ Wir nehmen wahr, was wir gelernt haben zu sehen. Gut, wenn wir manchmal die Welt mit anderen Augen entdecken können.

Grenzen und Brüche

Beobachtungen am Südpark

von Studierenden Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, unter der Leitung von Maike Fraas und Johanna Padge 2017

Der Südpark – Teil einer geplanten Einheitsstadt – ist heute Sammelsurium aus alt und neu. Von frisch angestrichenen Plattenbauten zu Überbleibseln des alten Passendorfs, von leerstehenden Wohnkomplexen zu wachsender Nachfrage nach Wohnraum.
Eine linear verlaufende Untersuchung der südlichen Neustadt führte die Workshop-Teilnehmer durch ein Gebiet der vielfältigen Grenzen und architektonischen Brüche. Die Verläufe von Grenzen und Brüchen wurden beobachtet, indem versucht wurde mit den Bewohnerinnen und Bewohnern ins Gespräch zu kommen, indem Fundstücke gesammelt und aufmerksam Ausschau gehalten wurde. Probleme und Potentiale des Ortes wurden ausgelotet.

Dokumentation folgt …

»Es kommt wirklich zusammen, was nicht zusammengehört – deshalb gehören zum Urbanen stets eine konfliktträchtige Dynamik und der Versuch ihrer Kontrolle.«
Armin Nassehi – Soziologe

Stadtgestaltung

Mit den Orten Sprechen

Kooperative Stadtentwicklung

ein Interview von Carina Pesch, in Kooperation mit Radio Corax, 2017

Tabea Michaelis ist Landschaftsarchitektin, Staudengärtnerin, Urban Designerin und Stadtforscherin. Ben Pohl ist ausgebildeter Industriemechaniker, Grafiker, Urban Designer und Stadtforscher. Beide haben lange Zeit in Hamburg Stadt erforscht und arbeiten heute in der Schweiz beim Thinktank Denkstatt sárl. Das interdisziplinäre Team ist auf Umnutzung und Transformation von ehemaligen Gewerbe- und Industriearealen spezialisiert. Im Fokus ihrer Arbeiten steht der Dialog mit dem Ort und seinen Nutzer*innen sowie die Prozessentwicklung.

WerkleitzIhr wollt den Umgang mit Stadt und Stadtentwicklung verändern: Re-Read und Re-Write Access – Stadt als analoges Wikipedia. Was bedeutet das?

PohlDie Analogie zur digitalen Welt kann helfen, einige Fragen in Bezug auf Stadt freizulegen, die wir für wichtig halten. Der eine oder die andere kennt das vom Computer – Read und Write Access heißt als Nutzer Lese- und Schreibrechte zu haben. Wenn ich auf meinem Computer einen Artikel lese, dann habe ich zunächst einmal Leserechte. Bei Wikipedia kann ich aber auch zusammen mit anderen einen Text schreiben. Wenn wir das jetzt in Stadt übersetzen, dann geht es darum, dass man in der Lage ist, Stadt zu lesen, vielleicht neu zu lesen, anders zu interpretieren. Und dann können wir fragen, sind wir nur Konsumenten von Stadt, oder sind wir vielleicht auch Produzentinnen? Wer hat die Schreibrechte in der Stadt? Wer ist befähigt, Stadt mitzugestalten? Wäre es nicht vorstellbar, dass wir bei der Gestaltung von Stadt auf ein vielfältiges kollektives Wissen zurückgreifen? Diese Mitgestaltung findet über Bürgerbeteiligungen und in Planungsprozessen teilweise auch schon statt. Die Frage ist, werden diese Ressourcen wirklich ausgeschöpft? Werden sie Teil von Planungsprozessen auf politischer Ebene oder nicht?

Werkleitz Wenn wir bei der Analogie zwischen Stadt und Wikipedia bleiben: Stadt wird gelesen und geschrieben – Wie wird Stadt traditionellerweise gelesen und inwiefern lest ihr sie anders?

Pohl Es gibt unterschiedliche Haltungen, Stadt zu lesen – etwa aus der Perspektive von Verwertungsinstitutionen. Das heißt, Immobilienentwickler und Bodeneigentümer lesen Stadt oft als finanziellen und ökonomischen Verwertungsgrund. Und auch Politiker haben, je nach politischer Richtung und Ideologie, noch einmal eine ganz eigene Lesart. Es hat sich über das letzte Jahrhundert, eine bestimmte Haltung etabliert, die Stadtgestaltung eher technokratisch verwaltet.

Michaelis Die klassische Planung funktioniert in Teilen wirklich so, dass der Architekt am Schreibtisch sitzt und plant. Das habe ich vorher in Architekturbüros auch so gemacht. Da wird Stadt gar nicht gelesen, sondern gleich geschrieben. Man bekommt den leeren Plan mit einem Maßstab 1:1.000 auf den Tisch und füllt die ausradierten Flächen mit schwarzen Linien. Der Architekt weiß, was gut, welche Form gefragt ist, und oft hängt es sogar daran, was die Software gerade kann. Dann geht es um die Handschrift des Architekten und um die Renditevorstellung der Entwickler. Aber bei uns geht es nicht nur um die Form, sondern um die Frage, wie entsteht aus dem Gebrauch des Ortes die Form und wie kann unterschiedlicher Gebrauch möglich werden. Denn der Gebrauch ändert sich ständig. Der klassische Architekt stellt ein fertiges Gebäude hin – sein Werk. Da ist für Veränderung durch die Bewohner und Nutzer kein Platz. An kollektive Produktion von Raum, an ein Gemeinschaftswerk ist nicht zu denken. Wir sehen das anders und sagen, man muss erst einmal die Komplexität von Stadt verhandelbar machen, weil in vielen Situationen das benötigte Wissen für zukünftige Pläne eigentlich schon eingeschrieben ist. Wir sehen uns dabei als Mit-Gestalter in Co-Autorenschaft – wie bei Wikipedia eben.

Werkleitz Welche Methoden habt ihr im Lauf der Zeit entwickelt, um die komplexe Lebenswirklichkeit einer Stadt zu erfassen und verhandelbar zu machen?

Michaelis Das erste und einfachste ist wirklich dieses Umherschweifen, wie die Situationisten in Frankreich das einführten. Also, wir halten uns an Orten auf, beobachten die alltäglichen Lebenspraktiken, Spuren, Anordnungen. Es geht um das Schärfen des eigenen Blickes auf das, was da ist und was sich darin erkennen lässt. Wenn wir uns einem Raum annähern, dann nehmen wir nicht nur die sichtbaren Gebäude und Strukturen wahr, sondern immer auch die Akteure, die diesen Raum hervorbringen, transformieren oder anders in Gebrauch nehmen. Wir schauen also auf den Gebrauchswert der Orte. Wir kartieren, wir mappen, wir schreiben kurze Texte und natürlich ist auch der Fotoapparat ein wichtiger Begleiter. Und dann kommt auch immer die Frage dazu, wie wir uns wirklich dazwischen schalten können. Das machen wir mitunter mit experimentellen, künstlerischen Interventionen. Wir fügen dem Ort etwas hinzu und treten auf diese Weise in einen Dialog mit den Menschen und mit dem Ort.

Werkleitz Wie kann das konkret an einem Beispiel aussehen?

Michaelis Im Rahmen von Urban Design in Hamburg sind wir zum Beispiel an Bushaltestellen gegangen und haben eine Post-it-Intervention gemacht. Wir wollten herausfinden, wer die Bewohner dieser Elbinsel sind und was sie bewegt. Unsere Forschungsfrage an den Ort war damals „I am waiting for...?“ Diese Frage haben wir in verschiedenen Sprachen, die an diesem Ort gesprochen werden, auf kleinen, farbigen Zettelchen an die Haltestelle geklebt. Ganz automatisch sprachen uns die Passanten an, was wir da machen würden. Das waren Kinder und Jugendliche, ältere Damen und völlig unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Sprachkontexten. Und in dem Moment, in dem wir die Haltestelle fertig beklebt hatten, konnten wir uns auch unerkannt als Wartende zurückziehen und beobachten, was all diese verschiedenen Menschen mit den Post-its gemacht haben. Die Passanten haben sie beschrieben, die Kommentare der anderen gelesen, sie abgerissen, mitgenommen... Das war toll, weil wir uns sowohl als Interventionistinnen zeigten, aber dann auch zurückziehen und das Spiel oder die Bühne beobachten konnten.

Pohl In der Breite der Formate reicht es von solchen Aktionen bis hin zu anthropologischen Methoden und Interviewtechniken. Zum Beispiel machen wir uns im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung zu einem Teil der Prozesse im Viertel, reflektieren unsere eigenen Erfahrungen und werten sie zusammen mit denen der Nachbarschaft aus. Wir fragen, was könnte das bedeuten, was kann das Phänomen. Um es zu bebildern: Es gab einen Auftrag und wir sollten eine Wohnbebauung auf einem Areal planen, auf dem Schrebergärten standen. Dieses Wohnen sollte unter der Devise low cost, low energy geplant werden. Jetzt kann man also hingehen und sagen, diese Schrebergärten sind nur ein paar olle Hütten mit ein paar ollen Pflanzen – das reißen wir ab und dann kommt da eine wundervolle Planung drüber, denn wir sind ja die Experten und wir können das alles viel besser als die. Oder man kann eben wahnsinnig viel von diesen Gärten lernen und die Menschen dort als Experten des Alltags ernst nehmen. Die sind völlig off-grid, die haben also keinen Wasser- und keinen Stromanschluss. Die bewirtschaften aber trotzdem opulente Gärten und zeigen wie Nachbarschaften funktionieren, wie im Eigenbau vieles entstehen kann und wie man mit Ressourcen schonend umgeht. Das muss jetzt nicht bedeuten, dass man auf derselben Bricolage-Ebene des Bastlers auch den Wohnungsbau betreibt. Aber wir sagen: Aha, gucken wir mal, die haben zum Beispiel sämtliche Flächen produktiv genutzt. Wir fragen uns dann, wie können auch wir alle Flächen produktiv halten. Da kommen wir dann zu der Frage, was unsere gestalterische Planung alles leisten muss. Sie verschaltet und übersetzt am Ende große Teile dessen, was wir am Ort finden.

Werkleitz Von wo nach wo übersetzt ihr und für wen? Oder anders gefragt, wer sind eure Auftraggeber?

Michaelis Die meisten Projekte in der Schweiz beziehen sich auf große Industrieareale, die nicht mehr genutzt werden. Meistens gehören sie Pensionskassen, Stiftungen oder großen Unternehmen. Und da geht es auch wieder darum mit unserem lesenden Blick zu schauen, was hat der Ort für ein Talent oder Potential. Wir zeigen unseren Auftraggebern, was dieser Ort in Zukunft sein kann und wie wir ihn mit den zukünftigen Nutzern aktivieren. Also wir sind oft Übersetzer und Sprecher für den Ort und die Nutzer, die wir vorfinden oder die sich dort ansiedeln könnten. Wir haben das über die Jahre trainiert, verschiedene Sprachen erlernt und wir lernen immer noch. Auf dieser Grundlage können wir dann Liegenschaftsrechnungen machen oder sagen, welche baulichen Maßnahmen notwendig sind.

Werkleitz Ihr sprecht immer wieder von Übersetzungsarbeit zwischen dem Ort und den Menschen, die ihn nutzen, auf der einen Seite und den Menschen, die ihn verwalten, auf der anderen Seite. Wo liegt das Hauptmissverständnis oder Konfliktpotential zwischen diesen beiden Gruppen?

Pohl Manchmal ist es einfach nur das gegenseitige Missverständnis, manchmal sind es auch unterschiedliche Interessen. Bürgerbeteiligung wird oft so verstanden, dass die Planenden die Bürger an ihrem Planspiel teilhaben lassen. Das läuft dann meistens so, dass man ihnen zeigt, was man sich Schönes ausgedacht hat und dann versucht man irgendwie ein OK dafür zu kriegen, damit es später keinen Ärger gibt. Einer der wesentlichen Punkte, an dem die Übersetzungsarbeit bei uns ansetzt, ist, dass wir Partizipation um 180 Grad drehen. Wir sagen, zunächst muss die Planung an den Lebenswelten der Menschen oder der Situation des Ortes teilnehmen. Sie muss überhaupt erst einmal verstehen, welche komplexen Zusammenhänge es gibt, welche Akteure im Spiel sind, welche unterschiedlichen Motive aufeinandertreffen, die auch Konflikte verursachen können, die wiederum völlig in Ordnung sind, denn das ist eben Stadt. Stadt lebt von der Vielfalt. Genau dort setzt unsere Übersetzungsarbeit und unsere politische Arbeit an.

Werkleitz Was überzeugt eure Auftraggeber an eurem partizipativen Ansatz?

Michaelis Wir merken, dass die Überzeugungskraft vor allem im Alltag und in der Praxis liegt. Wir haben zum Glück mittlerweile Areale, an denen wir zeigen können, schaut her, wir haben seit 15 Jahren unsere Modelle im realen Raum 1:1 umgesetzt und es funktioniert. Da fragen sich natürlich mittlerweile auch Großentwickler, woran die große Nachfrage seitens der Nutzer liegt. Und wir haben halt keinen Plan im klassischen Sinn. Wir haben ein Verfahren, das wir permanent anpassen können. Es gibt dieses ständige Ausprobieren. Wir entwickeln dynamisch mit den Menschen und bauen situativ in vielen kleinen Schritten. Das hat den Vorteil, dass wir umplanen können und dass auch in kleineren Häppchen Geld investiert wird. Das hält uns flexibel, denn wir wissen, dass Projekte nie so werden, wie sie am Anfang gedacht waren. Das erkennen wir als Chance, nicht als Problem. Wir können uns an die sich ändernden Bedürfnisse der Nutzer am Ort anpassen. Sobald etwas nicht mehr rentabel ist, gehen wir einen anderen Weg. Oder wir haben ohnehin kleinere Investitionen, weil wir nicht alles Abreißen, sondern mit dem Vorhandenen arbeiten. So können wir auch die Mieten erschwinglicher halten und das wiederum ist attraktiver für die Nutzerinnen.

Pohl Es geht immer wieder auch darum, wie kommuniziert man diese Transformationsprozesse. Klassische Entwickler machen oft als erstes eine Marketingkampagne mit ein paar schönen Architektur-Renderings. Sie nehmen also die Zukunft als festes Bild vorweg, simulieren einen hübschen Park und stellen lauter Männchen hinein. Am Ende merken sie zu spät, dass sie die Rechnung ohne die Nutzer gemacht haben. Denn diese ganzen Menschen aus den Simulationen sind real gar nicht da. Und der obligatorische Skateboarder – der einzige, der den Park nutzt – wird sogar verboten. Man die Akteure und den Gebrauch wieder vor die Form setzen, denn die klassischen Herangehensweisen konnten nicht überzeugend zeigen, dass sie erfolgreich, integrativ und nachhaltig in den sozialen Beziehungen und im Verbrauch der Ressourcen funktionieren. Wir sind auch nicht die ersten, die solche Ansätze haben. Dieser Gedanke, nicht über geschlossene Strukturen und über das Förmchen in Stadtgestaltung einzugreifen, sondern über offene Prozesse, der ist auch bald 100 Jahre alt. Man darf einfach nicht müde werden.

Werkleitz Wieso hat sich diese offene und partizipative Stadtplanung bisher nicht als vorherrschende Herangehensweise durchsetzen können?

Michaelis Das ist eine politische Frage: Wer ist Bürgerin mit Stimme und wer ist nur Bewohner der Stadt? Es geht hier auch um Kontrolle, um Repräsentation, um Status, Deutungshoheit und Kapital- bzw. Machtinteressen. Da spielt die Nutzung der Stadt dann eine untergeordnete Rolle. Das setzt sich bis in die Ausbildung der Architekten und Stadtplaner fort. Die Haltung, Stadt als ein kollektives Werk und eine unerschöpfliche Wissensressource anzuerkennen, die braucht eine andere Einstellung. Heute ändert sich das Berufsbild langsam. Da helfen interdisziplinäre Teams aus Soziologen, Geographen, Kulturwissenschaftlern, Künstlern und anderen.

Werkleitz Wieso ändert sich das Selbstverständnis gerade heute?

Pohl Vielleicht kommen viele Entwicklungen zusammen – ein schonender Ressourcenumgang, das Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich, Beteiligungseinforderungen der Bürger, Veränderungen in den Arbeitswelten und die Rückkehr der Wohnungsnot. Meistens findet ein Umdenken statt, wenn alte Herangehensweisen nicht mehr funktionieren. Heute haben wir einen Finanzmarkt, auf dem sich klassische Investitionen in eine Fabrik kaum noch rentieren. Auf dem Immobilienmarkt kann Rendite erzielt werden, aber auch das wird schwerer. Zudem gibt es billiges Geld und günstige Kredite – auch für Genossenschaften. Die Vorstellungen der Nutzer von Arbeiten und Wohnen haben sich verändert und zwingen Investoren und Entwickler zum Umdenken. Zumindest können wir beobachten, dass Fragen von Akteuren aufgeworfen werden, von denen es vor wenigen Jahren noch nicht zu erwarten gewesen wäre. Die kommen zu uns und fragen, wie wir das machen, denn es gibt im Umgang mit komplexen Projekten und dynamischen Planungsprozessen bisher vergleichsweise wenig Kompetenz. Ob es sich wirklich ändert, können wir noch nicht einschätzen. Aber solange machen wir einfach weiter.

Das was war und das was sein könnte

Lara Almarcegui
von Manuel Nolle, 2017

In ihren Arbeiten beschäftigt sich Lara Almarcegui mit dem Verfall und dem Aufbau von Städten. Sie stellt ihre Werke auf die Schwelle, zwischen dem was war und dem was sein könnte. Sie setzt den Fokus auf etwas, das nicht fokussierbar ist. Zur Venezianischen Biennale recherchierte und erfasste sie die Materialien der Bausubstanz des Spanischen Pavillons. In gleicher Art und Menge sammelte sie auf Baustellen der Umgebung die Materialien. Fein-säuberlich getrennt in die einzelnen Baustoffe – Haufen so hoch wie der Raum. Zur Nutzung bereit füllen sie den Pavillon nahezu aus und bleiben doch im Zustand des Noch Nicht verhaftet. Die Künstlerin fragt nach dem was war, wenn sie eine Grabung macht im Rijksmuseum in Amsterdam. Dann lässt sie den Betrachter zurück mit dem, was übrig bleibt: Die paradoxe Existenz des Loches, das nur in einem Nicht Mehr existieren kann.
Sie schreibt Reiseführer für Orte, die abseits aller ausgetretenen Pfade vergessen wurden. Dennoch sind auch sie Teil eines Prozesses, der sich ihnen in naher Zukunft möglicherweise wieder annehmen wird. Auf ganz ähnliche Weise beschäftigt sich ihr Projekt Wastelands of Halle mit der Transformation von Orten. Brachflächen als Areale der Entwicklung, der Spontaneität, des Ich Hab Da Noch Nichts Vorbereitet. Als Orte der Entwicklung, die sie als ebensolche belassen möchte. Sie richtet das Rampenlicht darauf, lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters, bringt die Orte ins Bewusstsein. Lara Almarceguis Werk gibt keine Antworten. Sie stellt sie auf die Grenze zwischen faktischer Vergangenheit und möglicher Zukunft und damit die Frage, nach dem, was das dann jetzt wohl ist? !

»Als Ort des sinnlich wahrnehmbaren Verfalls ist die Brache eine Leerstelle im Funktionsdickicht der Stadt. Als physisches Zeichen eines Nicht-Mehr und Noch-Nicht erzeugt sie momentane Ratlosigkeit und situative Offenheit.«
Jürgen Hasse – Geograph und Stadtforscher

Keiner macht da mit, wenn’s nicht geil ist

Bürgerschaftliche Quartiersentwicklung

ein Interview von Carina Pesch, in Kooperation mit Radio Corax 2017

Danilo Halle ist Kultur- und Medienpädagoge der Freiraumgalerie. Er führt Touristen und Interessierte durch Freiimfelde, gibt Graffiti und Street Art Workshops und koordiniert die Künstler, die für die Freiraumgalerie Wände bemalen.

WerkleitzWas ist das für ein Stadtteil – Freiimfelde – in dem ihr euch engagiert?

HalleFreiimfelde war der Stadtteil mit dem größten Leerstand in Deutschland. Wir als Freiraumgalerie haben 2012 dann angefangen die Fassaden mit gigantischen Bildern zu bemalen. Es war uns von Anfang an wichtig, dass wir als Künstler nicht nur von außen dahin kommen. Deshalb haben wir bevor irgendetwas dort passierte, versucht mit den Menschen, die dort leben, ins Gespräch zu kommen. Wir haben vor dem ersten All You Can Paint Festival die Straße gesperrt und auf der Kreuzung einen großen Diskussionskreis gemacht. Ohne das Engagement der vielen Anwohner und Eigentümer wäre das gar nicht realisierbar gewesen. Unsere Aktionen waren dann sehr erfolgreich. Die Presse hat erstmals wieder positiv berichtet, Künstler in Mexiko kannten plötzlich Halle an der Saale und das Viertel rückte ins öffentliche Bewusstsein. Das ist wichtig für einen Stadtteil. Wenn er sich langfristig entwickeln soll, dann darf er nicht vom Radar verschwinden. 2013 hat Ina Treihse aus unserem Team dann gefragt: Ok, was kommt nach der Kunst? Und so haben wir eine Stadtteilrunde gegründet. Alle 2 Monate laden wir alle Anwohnerinnen mit Mieterbriefen ein, sich im Bürgertreff zu versammeln. Dort erarbeiten wir dann mit allen gemeinsam, was langfristig die wichtigsten und nachhaltigsten Themen sind. Das Ziel dieser Runde war, dass sich ein Bürgerinnenverein gründet, der unabhängig von der Freiraumgalerie als juristische Person und Sprachrohr der Bevölkerung agieren kann. So hat sich der Freiimfelde e.V. gegründet.

Werkleitz Was wünscht sich die Bevölkerung?

Halle Eines der offensichtlichsten Defizite, das die Bevölkerung behoben haben möchte, ist Aufenthaltsqualität. Es gab dort hinten nicht eine Bank, auf die man sich mal setzen konnte. Inzwischen haben die Bewohnerinnen zwei Bänke gebaut. Es gibt keinen Treffpunkt im Grünen, es gibt kein parkähnliches Gebiet, es gibt keinen Spielplatz, es gibt keinen Bolzplatz. Hundekot ist ein Riesenproblem und mangelndes Gewerbe. Gerade Cafés, Restaurants und Bars wünscht sich die Bevölkerung unglaublich stark. Zu viel Verkehr wird immer wieder als Problem angesprochen und immer wieder wünschen sich die Anwohnerinnen auch Freiräume langfristig zu erhalten und dass dieses unkonventionelle Umgehen mit Stadtraum in gleichberechtigter Zusammenarbeit mit der Bevölkerung erhalten bleibt. Es wäre toll, wenn wir es schaffen, dass es Orte gibt, die dauerhaft Freiräume sind. In diesem Rahmen wurde schnell klar, dass größte Interesse bezieht sich auf eine Brachfläche in der Nachbarschaft. Das ist eine 6000 Quadratmeter große Fläche, die ehemals ein Industrieareal war. Seit vier Jahren ist nun die ganz naive aber auch glorreiche Idee, einen Bürgerpark zu entwickeln.

Werkleitz Wie hat die Stadt auf diese Bestrebungen der Bürger reagiert?

Halle Die Stadt Halle hat nach den drei Jahren, in denen wir im Stadtteil mit Kunst und Festivals agiert haben, festgestellt, dass dieses Viertel sehr besonders ist. Es hatte nicht nur unglaublich viel Leerstand, die Stadt hatte auch kein langfristiges und nachhaltiges Konzept für dieses Viertel. Jetzt gab es plötzlich unglaublich viel Aufmerksamkeit und bürgerschaftliches Engagement. Aber wo soll das langfristig hin, um auch negativen Prozessen wie Gentrifizierung entgegenzuwirken. Und so hat die Stadt sich vor anderthalb Jahren entschlossen, uns als Freiraumgalerie zu beauftragen ein bürgerschaftliches Quartierskonzept als offizielles Entwicklungskonzept für dieses Viertel zu schreiben. Dieses Konzept hat einen ganz besonderen Ansatz. Das ist ein Pilotprojekt, dass es so noch nicht gab. Die Inhalte dieses Konzeptes sollen ausschließlich aus der Bevölkerung selbst kommen. Wir haben das als Planungsbüro nicht geschrieben, sondern wir haben es zusammengetragen, moderiert und Beteiligungsveranstaltungen gemacht. Aber alles, was da drin steht, kommt aus der Bevölkerung selbst und ist vielleicht die beste Grundlage, um Gentrifizierung in Freiimfelde zu verhindern.

Werkleitz Es war bei euch von der Freiraumgalerie von Anfang an das Ziel, mit Streetart Stadtentwicklung zu betreiben. Hendryk von Busse hat sogar seine Diplomarbeit zu diesem Experiment geschrieben. Graffiti als eine Kunst von unten wird zum Instrument für Planung und Gestaltung von Stadt. Jetzt findet Stadtentwicklung und -planung traditionellerweise von oben nach unten statt. Wo ordnet ihr euch da ein? Stadtentwicklung von oben, unten oder doch irgendwo dazwischen?

Halle Ich würde uns in der Mitte anordnen, mit leichter Tendenz nach unten. Das bedeutet, dass wir zwischen Stadtpolitik und -verwaltung und der Bürgerschaft vermitteln und moderieren. Das Quartierskonzept war praktisch genau das: Es war ein Auftrag von der Stadt und wir haben dann in Beteiligungsrunden alle, die wollten und die dort wohnen, daran teilhaben lassen.

Werkleitz Aus eurer Erfahrung heraus, was sind die größten Unterschiede und Reibungspunkte wie dieses Oben und Unten funktioniert?

Halle Am stärksten habe ich das beim Bürgerverein Freiimfelde gemerkt. Am Anfang gab es eine große gemeinsame Motivation. Wir wollten diese Brachfläche gemeinsam nutzen und gestalten. Diese Fläche aber langfristig nutzen zu können, war ein sehr langer und zäher Prozess. Die Brache war ein Spekulationsobjekt, das irgendein Investor aus München im Internet ersteigert hat. Dieser Investor hat Engagement zum Teil zugelassen und war damit auch sehr clever, weil er Teilberäumung zugelassen hat soweit es in seinem Interesse lag. Aber es kam nie zu einer langfristigen Pacht. Und das Engagement, das sich auf diese Brache bezog, hatte somit einen großen Dämpfer, weil die Beteiligten merkten, da kommen wir an unsere Grenzen. Wir haben schlicht nicht genug Kapital, um das Ding zu kaufen. Und zu der Zeit stieg dann die Frustration und Leute sind ausgestiegen. Wir als Freiraumgalerie haben dann eine zweite Generation von Menschen gefunden, die da auch Bock drauf hatte. Aber die hat sich dann auch wieder aufgelöst, so dass wir mittlerweile die dritte Generation von Engagierten im Freiimfelde e.V. haben. Jetzt scheint das stabiler zu sein, denn wir haben die Brache mittlerweile langfristig für das Viertel sichern können. Die Montagsstiftung bietet tatsächlich Initialkapital für Räume, in denen bereits Kreativität und unkonventionelle, positive Stadtentwicklungsprozesse stattfinden. Nach einem sehr sehr langen und schwierigen Bewerbungsprozess hat die Stiftung die Brache dann für uns gekauft. Jetzt kann der Verein die Fläche langfristig pachten. Und ich glaube, jetzt ist der große Dämpfer weg, denn in seiner Freizeit so etwas großes aber auch unsicheres mitzudenken, ist unglaublich aufreibend, wenn man nicht wie wir von der Freiraumgalerie das als seinen Beruf und als seine tägliche Leidenschaft versteht.

Werkleitz Siehst du Wege wie eine Stadt dazu beitragen könnte, dass diese Dämpfer des bürgerschaftlichen Engagements abgeschwächt werden und die Bürgerbeteiligung Aufwind bekommt?

Halle Ich finde, dass die Stadt Halle in Freiimfelde das mit einem Riesenschritt getan hat, indem sie vor rund zwei Jahren sagte, die Entwicklung dieses Quartiers soll im Interesse der Bevölkerung passieren. Allein schon mit dem Titel Bürgerschaftliches Quartierskonzept hat sie etwas sehr Innovatives gemacht – nicht nur zu sagen, wir lassen die Menschen ein bisschen partizipieren, sondern wir lassen die das übernehmen. Dadurch kommt es ja zu einer viel stärkeren Identifikation mit dem Viertel und dem, was dort passiert. Wenn ich in Beteiligungsrunden sitze und hinterher ums Eck den Bürgerpark nutzen kann, den ich mit meinen Händen aufgebaut habe, dann fühl ich mich viel stärker verbunden. Dann bleib ich dran. Das wiederum hilft der Stadt, weil gerade in einer Stadt wie Halle, wo Ressourcen knapp sind, profitiert sie enorm, wenn die Bürger das kostengünstig selber machen. Sie kann natürlich auch finanziell unterstützen. In Freiimfelde gibt es jetzt einen Quartiersfonds, den die Stadt mit der Montagsstiftung eingerichtet hat. Dort können alle für Projekte, die dem bürgerlichen Gemeinwohl entsprechen, sehr unkompliziert Gelder beantragen. Das unterstützt bürgerschaftliches Engagement ungemein, denn es ist Ehrenamt, es ist Freizeit – wo kommt das Geld, um überhaupt etwas zu machen, her? Und was auch ganz wichtig ist: Auf Verwaltungsebene gemeinschaftlich und auf Augenhöhe nach Lösungen suchen, einfach nett miteinander arbeiten. Und auch da haben wir riesiges Glück. Unsere Ansprechpartnerin im Fachbereich Plan hat sich sehr stark mit dem Konzept, mit dem Viertel, mit den Menschen und mit uns identifiziert. Mittlerweile können wir sogar auf freundschaftlicher Ebene und dadurch viel qualitativer arbeiten.

Werkleitz Das hört sich nach einer reinen Erfolgsgeschichte an. Gibt es auch Kritiker?

Halle M Ganz am Anfang mussten wir für unsere Wandgemälde Überzeugungsarbeit leisten, weil ältere Leute sich vor Graffiti fürchteten oder weil einzelne Motive nicht gefallen. Aber um so mehr wir gemacht haben, desto mehr haben sie auch gesehen, dass es eher gute Auswirkungen hat. Und seitdem wir keine lauten Konzerte mehr machen, mögen sie uns noch lieber. Es gibt dann eher mal Kritik aus der linken Szene, die uns Beihilfe zu Gentrifizierung vorwerfen.

Werkleitz Was entgegnest du auf den Gentrifizierungsvorwurf?

Halle Ebene eins ist, dass ich es schlichtweg falsch finde, wenn wie so oft, den Künstlern und Menschen, die ein Viertel wiederbeleben, unterstellt wird, sie seien der Motor dieser Prozesse oder seien schuld an ihnen. Ich denke, das liegt eher am Kapitalismus und an den Effekten, die nach der Belebung los getreten werden. Wir haben schließlich nichts getan, das gegen das Interesse der Bevölkerung dort verstoßen hat. Mit der Einschränkung – es wäre natürlich gelogen, dass alle Graffiti cool finden. Ebene zwei ist aber, dass wir natürlich ein Teil dieses Prozesses sind. Wir spüren das ganz praktisch an unserer Arbeit. Die Wände, die wir bemalen, die verschwinden wieder, weil überall saniert wird. Das hindert uns aber nicht daran, das weiterhin zu tun. Der Schlüssel, um ein Viertel positiv zu entwickeln im Interesse der Bevölkerung, ist das Eigentum. Das bestimmt nachhaltig, was mit Flächen oder Gebäuden passiert.

Werkleitz Könnte es passieren, dass die Unterstützung der Stadt abebbt, wenn das einst so leere Viertel sich weiterhin gut entwickelt?

Halle Ich hoffe nicht! Sicher kann ich sagen, dass auf die nächsten drei Jahre die Unterstützung für die Umsetzung des Quartierskonzeptes und die Bürgerrunde sicher ist. Auch der Quartiersfonds soll mindestens vier Jahre da sein. Ich denke, dass es jetzt an der Zeit ist, das alles so gut wie möglich umzusetzen, damit es in zweieinhalb Jahren, wenn die Verhandlungen wieder los gehen, gar nicht anders geht, als das weiter zu unterstützen.

Werkleitz Meistens wird Bürgerbeteiligung dort unterstützt, wo aus städtischer Sicht Not herrscht – also an sozialen Brennpunkten, wo Leerstand ist und so weiter. Ihr fangt gerade in Neustadt an, die Wände zu bemalen. Das ist auch wieder so ein Entwicklungsdefizit nach städtischen Maßstäben. Wenn wir wirklich davon überzeugt wären, dass Bürgerbeteiligung ein essentieller Teil dessen sein soll, wie wir leben wollen, müsste ihr dann nicht auch in belebten und reicheren Bezirken Raum gegeben werden?

Halle Ich würde es cool finden, wenn es diesen Entwicklungsanschub an diesen Orten gibt und an allen anderen auch. Und ich glaube, dass es in der Natur des Menschen liegt, dort anzufangen, wo man am meisten machen kann. Weil das bedeutet, dass es nicht nur Not gibt, sondern auch dass es unglaublich viel Freiheit gibt und dass es Spaß macht. Und Spaß ist elementar wichtig für bürgerschaftliches Engagement. Keiner macht da mit, wenn's nicht geil ist. Also für mich ist Leerstand als solches eigentlich schon erhaltenswert. Wir betrachten das immer mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wenn unsere Wandmalerei verschwindet, weil wieder ein Haus saniert wurde.

»Imagine a city where graffiti wasn't illegal, a city where everybody could draw wherever they liked. (…) A city that felt like a party where everyone was invited, not just the estate agents and barons of big business. Imagine a city like that and stop leaning against the wall – it’s wet.«
Banksy – Streetart Künstler

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„Städte sehen ästhetisch oft so aus, als hätten sie ein Editorial – eine erzählbare Geschichte, einen Namen mit Legende, ein Zentrum mit Prunk oder ein repräsentatives Ensemble, das sich wie eine Art Kontrollzentrum ausgibt. Aber auch all das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Städte eher dezentral operieren – was gerade deshalb zentralistische Instanzen wie Stadtplaner und Ordnungsagenten anzieht.“
Armin Nassehi – Soziologe

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Werkleitz immer wieder mit Stadt. Sie schummelt sich in Themen wie Angst oder Allgemeingut und versteckt sich in Kunst im öffentlichen Raum. Erst schrumpft sie, dann wächst sie wieder. Sie verändert sich ständig. Was ist sie eigentlich und wo steht sie zur Zeit? Wer kann, will, soll sie gestalten? Was ist eigentlich Stadtentwicklung? – Wenn sie sich doch ohnehin ständig verändert, die Stadt.

Dieses Journal ist ein Experiment. So wie jede Stadt ein Experiment ist.
Eine Ansammlung von Vielfalt, von Widersprüchlichem, von Versuchen und Entwürfen, von Einigungen, Überwerfungen und Neufindungen, von Zahlen und Meinungen, von Erfahrungen und Fehlern, von Altem und Neuem, von Plänen und Chaos.
Natürlich versuchen wir das Chaos zu ordnen, mit Plänen zu bändigen. Wie erfolgreich das ist und für wie lange... unter welchen Bedingungen – wer weiß. Aber wir schreiben uns ein. In die Stadt mit Graffitis und Trampelpfaden, mit denen wir die gepflasterten Wege rund machen. Ins Internet mit diesem Journal zum Thema Stadt.
Eine Stadt – im ständigen Gehen und Vergehen. Eine Stadt – im Prozess. Eine Stadt – im Nicht Mehr Noch Nicht.
Dieses Journal ist ein Experiment. So wie jede Stadt ein Experiment ist.
Dafür haben wir uns Regeln gesetzt. So wie sich jeder Städter automatisch Regeln setzt.

Regel 1: Dieses Journal ist digital, will aber funktionieren wie ein analoges Buch. Den Weg von A nach B haben wir vorgezeichnet. Geführte Stadtbesichtigung. Kapitel.
Regel 2: Regeln sind zum Brechen da. Abkürzungen sind möglich. Finde deinen eigenen Weg durch das Dickicht der Stadt.
Regel 3: Verbinde Altes mit Neuem. So wie jedes Gebäude der Stadt ein Baujahr hat, so haben es die Texte auch. Mach was draus.
Regel 4: Verbinde möglichst viele Stile, Eigenes mit Fremdem. Die Stadt ist für alle da. Sie klingt, sie sieht aus, sie ist beschreibbar. Beobachte sie.
Regel 5: Kooperiere oder werde zum Einsiedler. Du hast 10 Tage Zeit.
Regel 6: Finde etwas heraus.
Regel 7: Halte durch – Die Stadt braucht Durchhaltevermögen.